Der Rote Faden
Wir befinden uns bei den Grundlagen des Weltverstehens: Hier werden unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt allgemein bzw. auf die Menschen speziell daraufhin unterrsucht, welchen Beitrag sie zum WELTERKLÄREN leisten können.
In dem hier diskutierten Bereich „Menschenbilder“ zentrieren sich die grundlegenden Vorstellungen, was den Kern des Menschen ausmacht und welche Einflüsse ihn zur einer individuellen Persönlichkeit ausformen.
Die Vorstellungen, die wir uns von dem „Wesen“ des Menschen machen, hängen eng mit unseren allgemeinen Weltbildern zusammen. Ob unsere Sicht auf die materiell-physikalische Welt eher rational-empirisch (also wissenschaftlich) orientiert ist, oder wir eher religiös bzw. esoterisch ausgerichtet ist, wird auch unser Bild von Menschen prägen.
Es wäre daher sicher eine gute Idee, sich zunächst mit den Weltbildern auseinanderzusetzen – und sich dann den Menschenbildern zuzuwenden.
Tipp: Besonders interessant ist die Rückmeldung über Ihre eigene Haltung zu diesem Thema, wenn Sie den Test vor dem Lesen durchführen.
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Erdachte Menschenbilder
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Geistes-/Sozialwissenschaften
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– Wirtschaftswissenschaft
– Geschichtswissenschaften
– Anthropologie
Erdachte Menschenbilder
Mit dieser Begrifflichkeit möchte ich Vorstellung vom Menschen zusammenfassen, die sich nicht auf naturwissenschaftliche, empirische-abgesicherte Forschungsbefunde stützen.
Zunächst soll ein kurzer Blick auf die Sichtweisen vom Menschen geworfen werden, die wir bei den Weltbildern als „irrational“ oder „spirituell“ bezeichnet haben (Religion und Esoterik). Etwas mehr Aufmerksamkeit werden wir dann den verschiedenen philosophischen Menschenbildern und den großen politischen Ideologien schenken.
Spirituelle Menschenbilder
Religionen
Die heiligen Texte der drei großen monotheistischen Glaubenssysteme stimmen (wie die meisten Religionen) darin überein, dass der Mensch durch einen Schöpfungsakt Gottes entstanden ist. Sie betonen insgesamt die herausgehobene Position des Menschen in der Natur – einerseits durch eine gewisse Nähe zu Gott („Ebenbild“) und durch seine innere Freiheit, für ein gottgefälliges, rechtschaffendes Leben oder für den Unglauben, das Böse bzw. die Sünde zu entscheiden. Der biologisch-materiellen Seite des Seins wird von den Religionen eine zweite, geistig-seelische Ebene gegenübergestellt, die gleichzeitig auch die Chance der Unsterblichkeit beinhaltet. In dem Bezug zu einem höheren Wesen und zu einem übergreifenden sinnvollen Gesamtsystem erhalten die Gläubigen eine Einbettung in eine endgültige und zuverlässige Ordnung, die über ihren begrenzten (und oft wenig erfreulichen) Horizont hinausreicht.
Was man wohl – ohne sich der Übertreibung oder Polemik schuldig zu machen – sagen kann: Die Menschenbilder der Religionen haben selbst keine inhaltlichen Erkenntnisse zur Erklärung menschlichen Erlebens und Verhaltens anzubieten, die über die Reichweite der eigenen Glaubensvorstellungen hinausreichen können. Zwar befassen sich die Schriften, deren Auslegung und das praktizierte religiöse Leben ausführlich mit ethischen und moralischen Fragestellungen, sehen Gläubige im Befolgen göttlicher Gebote die wesentliche Sinngebung bzw. Orientierung und erleben ihren Glauben oft als die stärkste Motivationsquelle. Aber all das kann nicht in allgemeingültige Aussagen übertragen werden, da die Grundaussagen auf Dogmen beruhen, die durch heilige Schriften oder religiöse Autoritäten (z.B. Propheten) stammen; durch sie werden auch die Maßstäbe für „Gut“ und „Böse“ allzeit verbindlich festgelegt.
Es ist eher umgekehrt: Man kann zwar mit humanwissenschaftlichen Methoden religiöses Erleben und Verhalten erforschen (bis hin zu typischen Gehirnprozessen), religiöse Zugänge zur Welt beinhalten aber nicht das Potential, menschliches Tun und Werden allgemein nachvollziehbar aufzuklären.
Esoterik
Neben den Gemeinsamkeiten mit religiösen Weltbildern (z.B. die Betonung geistig-seelischer bzw. spiritueller Aspekte und eine Distanz gegenüber einem rein empirisch-naturwissenschaftlichen Weltzugang) unterscheidet sich die esoterische Weltsicht auch in einigen Punkten:
Während religiöse Menschenbilder in der Regel auf festen Glaubenssätzen, Dogmen und heiligen Texten basieren, sind esoterische Menschenbilder tendenziell offener und weniger dogmatisch. Esoterische Traditionen neigen dazu, individuelle spirituelle Erfahrungen und persönliche Erkenntnisse stärker zu betonen und die Wege der Sinnsuche freier zu gestalten.
In vielen religiösen Traditionen wird die Wahrheit als etwas gesehen, das von einer höheren Autorität offenbart wird (z.B. durch Gott, Propheten oder heilige Schriften). Esoterische Traditionen betonen hingegen oft die Fähigkeit jedes Einzelnen, durch eigene spirituelle Praktiken und Intuition Zugang zu tieferer Wahrheit und Erkenntnis zu finden. Für diese Wege werden dann diverses Zubehör oder Anleitungen angeboten.
Religiöse Menschenbilder neigen dazu, klarere Vorstellungen von Gut und Böse zu haben, basierend auf den – meist als ewig-gültig betrachteten – Lehren ihrer Religion. Esoterische Menschenbilder haben oft eine weniger dualistische Sichtweise und sehen „Gut“ und „Böse“ eher als Aspekte des individuellen Wachstums und der Entwicklung.
Aktuell ist wohl davon auszugehen, dass große Teile der esoterischen Szene auf eine radikalere Art wissenschaftsfeindlich und anti-intellektuell eingestellt ist als die großen Mainstream-Religionen. Das liegt vermutlich an ihrer insgesamt stärker ausgeprägten Abschottung zur berühmten „Mitte der Gesellschaft“. Esoterik wird häufig in abgegrenzten Zirkeln betrieben und vertrieben, die in der Öffentlichkeit nur punktuell (z.B. bei Esoterik-Messen) sichtbar wird. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in diesem Bereich auch um einen lukrativen Wirtschaftszweig geht, in dem zweistellige Milliardenumsätze erzielt werden.
Es wird inzwischen niemanden mehr überraschen, dass ich den Vorstellungen, die sich nicht explizit auf den Stand der Wissenschaft, dafür aber auf unbeweisbare Grundannahmen beziehen, keinen nennenswerten Erklärungswert für das Verstehen des menschlichen Seins und Miteinanders einräume. Stattdessen betrachte ich sie als lohnenswerte Gegenstände von wissenschaftlichen Betrachtungen: Was ist ihr Reiz? Welche Bedürfnisse werden erfüllt? Welche Defizite kompensiert? Welche Ängste bewältigt? Welche Sehnsüchte erfüllt? Sind religiöse Menschen glücklicher oder moralischer?
Die irrationale, magische oder mystische Seite des Menschen soll hier weiterhin nicht grundsätzlich negiert oder abgewertet werden. Es gibt nur m.E. keine Grundlage dafür, dass aus den entsprechenden Menschenbildern allgemeingültige und belastbare Schlussfolgerungen abgeleitete werden, die dann womöglich den Anspruch erheben, gleichberechtigt neben wissenschaftlichen Erklärungen stehen zu dürfen.
Genau das müsste aber auch spürbare Konsequenzen für den Umgang mit esoterischen Lehren und Praktiken in Medien und Gesellschaft haben: Ein kommentarloses Nebeneinanderstellen von empirischen und esoterischen Sichtweisen/Erkenntnissen ist kein Ausdruck von Meinungs-Pluralismus, sondern eine Gefährdung der Basis für einen gesellschaftlichen Konsens auf der Basis von Fakten.
Philosophie
Wohl in keinem Bereich ist die Abgrenzung zwischen Weltbildern und Menschenbildern so schwierig wie bei der Philosophie. Egal, ob es um den Anfang und Sinn des Kosmos oder um die Verantwortung für kommende Generationen geht: Immer steht irgendwie der denkende, entscheidende und handelnde Mensch im Mittelpunkt. Das ist sicher auch der Grund, warum die oben skizzierten philosophischen Weltbilder schon ziemlich viel mit dem Thema „Mensch“ zu tun hatten.
Aber das ist nicht die einzige Schwierigkeit für dieses Kapitel: Es gibt schlichtweg nicht das eine philosophische Menschenbild! Angesichts der unübersichtlichen Vielfalt von Betrachtungen und Konzepten dazu, was den Menschen ausmacht, wie er sich von (anderen) Tieren unterscheidet, was er erkennen kann, nach welchen Prinzipien er leben sollte, ob er im Ursprung gut oder böse ist, wie er Gemeinschaft oder Gesellschaft gestalten sollte, wo er sein Glück und einen persönlichen Lebenssinn finden könnte, wie er sich auf seinen Tod vorbereiten sollte: In wie viele Menschenbilder sollte man dieses geistige Kaleidoskop fassen? Wir verzichten daher ganz auf einen systematischen Versuch.
Schauen wir stattdessen nochmal auf das Grundsätzliche. Die Philosophen beschreiten beim Beschäftigen mit dem Gegenstand „Mensch“ – vereinfacht gesagt – zwei Wege:
Da gibt es einmal die Diskussion und Erweiterung von Konzepten, die die Philosophie selbst hervorgebracht hat und die z.T. bis in die fruchtbare Phase des griechischen Altertums zurückreichen. Dazu gehört Platons Ideenlehre und die Aufforderung zur Kultivierung der Seele, das aristotelische Streben nach Tugend, Glück, Vernunft und Ethik, der Kampf der Stoiker gegen die ungezügelten Leidenschaften und Epikurs gelassener und maßvoller Hedonismus. Von Rationalismus und Empirismus war oben schon die Rede. Der deutlich modernere Existenzialismus stellt die Subjektivität, Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit des denkenden und fühlenden Individuums in den Mittelpunkt.
Die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen. Gemeinsam ist den Sichtweisen, dass Erkenntnisse über den Menschen „erdacht“ werden – auf der Basis des Studiums von Texten, in philosophischen Debatten und durch Selbstreflexion, also den Blick nach innen.
Das gilt auch für die östliche Denkschulen; verlassen wir also an dieser Stelle einmal die „eurozentristische“ Perspektive:
Statt die Rolle der Vernunft, Logik und analytisches Denken zu betonen, befassen sich die östlichen Denktraditionen mit den Grenzen der Vernunft und Logik und legen mehr Wert auf Intuition, Meditation und Erleuchtung.
Die östliche Ethik ist oft eng mit spirituellen Praktiken und der Befreiung von Leiden verbunden. Im Buddhismus beispielsweise führen die „Vier edlen Wahrheiten“ und der „Achtfache Pfad“ zu einem moralischen Leben, das auf Mitgefühl und Weisheit basiert, um das Leiden zu überwinden.
In der westlichen Philosophie wird oft eine Trennung zwischen Mensch und Natur gemacht, und der Mensch wird als Herrscher über die Natur gesehen. Östliche Philosophien, betonen hingegen oft die Harmonie und das Gleichgewicht mit der Natur und sehen den Menschen als Teil davon.
Dieser kurze Einblick macht deutlich, dass sich von der östlichen Philosophie engere Verbindungen zu spirituellen Menschenbildern finden lassen, während die uns geläufigen westlichen Denkschulen eine Nähe zur den rational-wissenschaftlichen Erkenntniswegen aufweisen.
Neben dem Nachdenken und der Introspektion steht eine ganz andere Quelle für philosophische Aussagen über den Menschen: Sie liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den empirisch ausgerichteten Humanwissenschaften. Hier generiert die Philosophie die Erkenntnisse nicht selbst, sondern begleitet, kommentiert, ordnet ein oder thematisiert größere Zusammenhänge oder längerfristige Konsequenzen.
In diesem Umfeld käme kein Philosoph mehr auf die Idee, Aussagen zum menschlichen (oder auch tierischen) Bewusstsein oder zum Dauerkonflikt über die Willensfreiheit zu machen, ohne die aktuellen Befunde und Theorien der Neurowissenschaften oder der Kognitionspsychologie einzubeziehen. So kommt es dann dazu, dass die spannendsten Bücher über diese Fragestellungen inzwischen von Autoren geschrieben werden, die selbst sowohl eine philosophische als auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung und Identität haben. Dagegen fallen vermeintlich moderne philosophische Ansätze, die sich ganz bewusst und explizit gegen eine naturalistische Weltsicht stellen, in der Stringenz ihrer Argumentationen deutlich ab und erzielen keinen Mehrwert.
Auch hier deutet sich also an, wo heute die Forschungen stattfinden und die Theorien gebildet werden, die die Frage nach dem „Wesen des Menschen“ – also auch nach der Determiniertheit seines Handelns – tatsächlich immer umfassender auf empirischen Weg beantworten können. Diese Antworten werden es sein, die die Grundlage für die Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen und Konflikte bilden sollen.
Ideologien
Im Alltag entstammen unsere Menschenbilder meist aus politischen Überzeugungssysteme (Ideologien), die zwar nicht unabhängig von den bisher diskutierten Ideen sind, die sich aber als eigenständige Erklärungs-Narrative verselbständigt und eine große – und leider z.T. auch extrem destruktive – Wirkmacht entfaltet haben.
Wir werfen daher einen Blick auf die Menschenbilder der drei großen Ideologien des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Annahmen über menschliches Verhalten, Triebkräfte und die Natur der Gesellschaft bis heute unsere gesellschaftliche Wirklichkeit prägen.
Kommunismus
In der marxistisch-leninistischen Form des Kommunismus, die im 20. Jahrhundert dominant war, wird davon ausgegangen, dass Menschen von den materiellen Bedingungen ihrer Existenz geprägt werden. Menschen sind ihrer Meinung nach im Wesentlichen kooperative und soziale Wesen, die jedoch durch die Klassengesellschaft von den besitzenden Klassen unterdrückt und von ihrem Tun entfremdet werden. Die kommunistische Ideologie strebt danach, diese Entfremdung und Unterdrückung zu beseitigen, indem sie eine klassenlose Gesellschaft aufbaut, in der die Produktionsmittel gemeinsam genutzt werden und jeder nach seinen Fähigkeiten beiträgt und nach seinen Bedürfnissen empfängt. Zur Erreichung dieses Ziels sind auch gewaltvolle Methoden notwendig und legitim (Revolutionen, Diktatur des Proletariats). Das Kollektiv hat einen Vorrang gegenüber individuellen Bedürfnissen.
Faschismus
Auch im Faschismus wird der Einzelne als Teil eines größeren kollektiven Ganzen gesehen – hier ist der Bezugspunkt nicht eine (ökonomische) Klasse, sondern meist die Nation oder die Rasse. Das Menschenbild ist hierbei stark hierarchisch und elitär; Stärke wird verherrlicht, Schwäche verachtet. Dahinter steht die Annahme, dass einige Menschen (bzw. Rassen, Nationen oder Eliten) von Natur aus überlegen sind und daraus das Recht (oder sogar die Verpflichtung) ableiten können, sich machtvoll gegen die Schwächeren durchzusetzen. Der Faschismus betont Disziplin, Einheit und oft auch einen Führerkult. In faschistischen Ideologien ist das Individuum dem Staat oder der Gruppe untergeordnet, und Konformität wird höher bewertet als individuelle Freiheit.
Liberale Demokratie
Die liberale Demokratie basiert auf einem Menschenbild, das den Einzelnen und seine Rechte betont. Es wird davon ausgegangen, dass Menschen als rationale Wesen handeln und in der Lage sind, als „mündige Bürger“ autonom ihre eigenen Entscheidungen nach der individuellen Bedürfnislage zu treffen. Die liberale Demokratie betont die Werte der Freiheit, Gleichheit und Vernunft, einschließlich der politischen Rechte (wie das Wahlrecht), der bürgerlichen (wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit) und der wirtschaftlichen (Eigentum; Unternehmertum) Freiheiten. Der Staat existiert in dieser Perspektive, um die Rechte der Einzelnen zu schützen und zu gewährleisten, und seine Macht ist durch das Gesetz und die Zustimmung der Regierten beschränkt.
Es fällt auf, dass diese politischen Narrative Überzeugungssysteme darstellen, die eher Bezüge zu philosophischen Denkrichtungen aufweisen als zu einer echten empirische Basis. Sie enthalten damit nicht das Potential, mit ihren Erklärungen über das menschliche Sein über die jeweiligen Anhänger hinaus zu wirken.
Geistes- bzw. Sozialwissenschaftliche Menschenbilder
Zwar ist auch die gerade kurz betrachtete Philosophie eine Geisteswissenschaft – doch soll es in diesem Kapitel um Disziplinen gehen, die durch eigene empirische (Sozial-)Forschung Daten generieren, die als Grundlage für ihre Konzepte und Theorien dienen können.
Der Mensch wird hier – jeweils aus einer anderen Perspektive – in einem kulturellen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Während biologische Faktoren hier kaum eine Rolle spielen, gibt es durchaus Überschneidungen mit psychologischen Fragestellungen oder Forschungsansätzen.
Soziologie
Die Soziologie, eine Teildisziplin der Sozialwissenschaften, interessiert sich vor allem dafür, welche Auswirkungen gesellschaftliche Ordnungen bzw. deren Entwicklung und Veränderungen auf Menschen haben.
Zu ihrem Menschenbild gehört die Gewissheit, dass die Schicksale von Personen, also ihre Chancen und Risiken, in einem hohen Ausmaß von ihren Lebensbedingungen abhängig sind. Anders als in der Psychologie (s.u.) liegt dabei der Fokus nicht auf dem persönlichen und privaten Rahmen (also dem Nahumfeld), sondern der Blick wird wie mit einem Weitwinkel-Objektiv in die Breite gelenkt. Es geht um die Gesellschaftsordnung, die politische Machtverteilung, die Zugehörigkeit zu bestimmten Klassen, Schichten oder Milieus. Es geht um die grundsätzlicheren sozialen Prägungen und Verankerungen – nicht um die einzelne Familie, sondern z.B. um ihre Zugehörigkeit zu einer Subkultur von klassischen Industriearbeitern im Ruhrgebiet oder Bergbauern im Allgäu.
Die Soziologie (und benachbarte Sozialwissenschaften) halten nicht viel von der Diskussion über das „natürliche“ Wesen des Menschen oder über die autonome Entscheidung, ein „guter“ oder „schlechter“ Mensch zu werden; sie betonen und erforschen stattdessen die starken Kräfte der gesellschaftlichen Prägung.
Soziologen werfen daher auch oft einen betont kritischen Blick auf die Gesellschaftsstrukturen, die soziale Ungleichheit schaffen bzw. aufrechterhalten: Sie analysieren die Verteilung von Macht, Hierarchien, Privilegien und Ressourcen. Aus dieser Perspektive können leicht Zweifel an dem Glaubenssatz entstehen: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.
Da sich gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen verändern können, spielt auch die Möglichkeit des Wandels und der Einflussnahme bestimmter Gruppen darauf eine bedeutsame Rolle. Die Soziologie begleitet daher auch die Anstrengungen diverser sozialer Bewegungen, die das Ziel haben, Lebensbedingungen für bestimmte (z.B. marginalisierter oder diskriminierter) Gruppen zu verbessern.
Ohne Zweifel bietet der Blick auf die Bedeutung der Auswirkung gesellschaftlicher Strukturen einen wesentlichen Beitrag zu einer Gesamtsicht vom Menschen. Ohne diese Perspektive bestände das Risiko, bedeutsame Wirkfaktoren auf das Einzelschicksal zu übersehen und damit verbundenen Einschränkungen bzw. Chancen fälschlicherweise zu individualisieren und so auch einer politischen Beeinflussung zu entziehen.
Andererseits besteht zwischen soziologischen Variablen und dem Erleben bzw. Verhalten einzelner Menschen oft ein sehr großer Erklärungsabstand. Ohne die Beiträge z.B. der (Sozial-)Psychologie blieben die Befunde der Soziologie oft ziemlich abstrakt und damit oft nicht intuitiv nachvollziehbar.
Generell kann man sagen: Je weiter eine Analyseebene von dem konkreten Erleben und Verhalten eines Menschen entfernt ist, desto mehr Vermittlungs- bzw. Übertragungsschritte sind notwendig, um die Wirkmechanismen zu erfassen. Das bedeutet hier: Letztlich können nur solche soziologischen Faktoren wirken, die sich über soziale bzw. familiäre Zwischenglieder in biologischen, psychologischen und neuronalen Strukturen manifestiert haben. Wirtschaftliche Not beeinflusst also nicht direkt die Persönlichkeit bzw. das Verhalten einer bestimmten Person, sondern durch die Einflüsse, die sie auf Erziehungssituation, Fördermöglichkeiten, Bildungsumgebung, usw. hatte. Solche Einflüsse werden in soziologischer Sichtweise gebündelt und damit einer Analyse zugänglich gemacht.
Wirtschaftswissenschaften
Lange Zeit waren die Wirtschaftswissenschaften von einem sehr klaren und eindimensionalen Menschenbild dominiert: Der „homo oeconomicus“ war ein wirtschaftlicher Akteur, der in einer rationalen Kosten/Nutzen-Abwägung zuverlässig seinen finanziellen Vorteil erkannte und verfolgte. Damit war sein Verhalten kalkulierbar und auch mathematisch berechenbar; das Ergebnis waren eindeutige Formeln für menschliches Handeln im Wirtschaftsgeschehen. Auch die spieltheoretischen Versuche der Nachbildung solcher Entscheidungen ging lange Zeit von dem rational kalkulierenden Akteur aus.
Inzwischen hat sich das Menschenbild der Ökonomik so stark ausdifferenziert, dass dies sogar zu neuen Teildisziplinen geführt hat. So sind die Forschungen in der „Verhaltensökonomik“ kaum noch von kognitionspsychologischen bzw. von sozialpsychologischen Fragestellungen und Methoden zu unterscheiden. Das gefeierte Standardwerk von Daniel KAHNEMANN („Schnelles Denken, langsames Denken“) liest sich z.B. über weite Strecken wie ein Lehrbuch der kognitiven Psychologie. Auch in der „Experimentellen Ökonomik“ und der „Neuroökonomik“ geht es darum, der Komplexität des menschlichen Marktteilnehmers als denkendes, fühlendes und von Erfahrungen, biologischen Prägungen und Prinzipien beeinflusstes Wesen gerecht zu werden.
Aus einem mathematisch kalkulierbaren Entscheidungsautomat ist ein Mensch geworden; aus dem streng rationalen Kalkalator ist – in weiten Teilen – ein komplexes System geworden.
Eine zunehmende gesellschaftliche Bedeutung bekommen die angewandten Wirtschaftswissenschaften dort, wo es um die Begleitung der dringend notwendigen Transformationsprozesse geht. Dabei spielen veränderte Konzepte von Lebenszufriedenheit genauso eine Rolle wie der Einzug von ethischen Prinzipien in die Unternehmenskultur und die „Nudging“ genannten Methoden der Verhaltensbeeinflussung des Verbraucherverhaltens in gesellschaftlich erwünschte Richtungen (z.B. fleischarme Ernährung, emissionsarme Mobilität).
Einige für unsere weiteren Überlegungen relevanten Aspekte der Wirtschaftswissenschaften werden am ehesten im Rahmen psychologischer Betrachtungen einfließen.
Geschichtswissenschaften
Es ist sicher keine überraschende Erkenntnis, dass Historiker/innen nicht nur zurückliegende Perioden bzw. Ereignisse beschreiben und in ihren Zusammenhängen analysieren, sondern auch einem Menschenbild anhängen, das die zeitgeschichtlichen Einflüsse auch auf individuelle Lebensverläufe betont.
Deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen historischen Sichtweisen zeigen sich aber z.B. in der relativen Bedeutung, die übergreifenden Strukturen (z.B. wirtschaftlichen Entwicklungen) oder dem Handeln individueller Personen (z.B. Staatsführern oder Kriegsherren) zugeschrieben wird. Aber auch die Rolle von kulturellen, wissenschaftlichen, ökologischen und moralischen Faktoren werden von den Geschichtswissenschaften betrachtet und gewichtet. Im Unterschied zu soziologischen oder sozialwissenschaftlichen Ansätzen versuchen Historiker, auch aus lange zurückliegenden Entwicklungen Schlussfolgerungen für die Gegenwart abzuleiten – bis zu Versuchen, allgemeingültige historische Gesetzmäßigkeiten zu entdecken (z.B. im Kampf verschiedener sozialer Klassen oder in der Auswirkung bestimmter klimatischer Veränderungen).
Einen weltweit grandiosen Erfolg erzielte vor einigen Jahren der israelische Historiker Yuval Noah HARARI mit seinem Versuch, die Geschichte der Menschheit aus der Perspektive seiner Fähigkeit zur Kooperation über die engen Grenzen einer Gruppe oder eines Stammes hinaus zu beschreiben. Insbesondere an der Fähigkeit und Bereitschaft, an bestimmte Geschichten (Erzählungen, Narrative) zu glauben, hat aus Sicht HARARIs die Grundlage für den Aufstieg des Homo Sapiens zur mächtigsten Spezies aller Zeiten gelegt. Er führt aus, dass nur der „Glaube“ an solche Konzepte wie „Geld“, „Nationen“ oder „göttliche Offenbarungen“ es ermöglicht hat, dass Millionen von Menschen sogar auf globaler Ebene wirtschaftliche, kulturelle oder moralischen Einheiten bilden – und auf dieser Basis die Welt beherrschen.
Gleichzeitig geben die nachfolgenden Publikationen von HARARI ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man aus einer ursprünglich historischen Perspektive auch gegenwärtige Phänomene und Zukunftstrends in einen großen Zusammenhang setzen kann.
Auch wenn man der Geschichtswissenschaft diese enorme Publikumswirksamkeit durchaus gönnen möchte, so stellt sich doch die Frage, ob in einer so breiten Sicht auf menschliche Entwicklung nicht auch eine Vielzahl von anderen Perspektiven eingeht. HARARI selbst wäre wohl der letzte, der die Anleihen bei anderen Disziplinen (z.B. der Sozialpsychologie, der Philosophie und der Neurowissenschaft) bestreiten würde.
So könnte man dann auf die Idee kommen, dass wir uns hier schon in einer integrativen Perspektive befinden – was uns zur Anthropologie führt.
Anthropologie
Die Anthropologie steht nicht gerade im Rampenlicht der wissenschaftlichen Diskussionen, obwohl sie ja als „Wissenschaft vom Menschen“ eine zentrale Rolle einnehmen könnte. Der Grund könnte darin liegen, dass diese „Grenzwissenschaft“ zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kein besonders klares Profil aufweist: Anthropologen beschäftigen sich mit einem solch breiten und vielfältigen Gegenstandsbereich, dass fast notwendiger Weise ihre Konturen verschwimmen: Die Themen umfassen historische, kulturelle, soziale, biologische, sprachliche und archäologische Aspekte des Menschseins.
Ähnlich wie die Philosophie nimmt auch die Anthropologie gerne eine weite und integrierende Meta-Perspektive ein, definiert sich aber selbst zusätzlich als eine empirische Wissenschaft mit eigenen Methoden und Theoriebildung. Tatsächlich ist aber wohl die Abgrenzung zwischen spezifisch anthropologischer Forschung und der Nutzung von Daten und Erkenntnissen bestimmter Einzeldisziplinen kaum möglich: Wenn ein Anthropologe biologische oder linguistische Forschungen betreibt, ist er dann nicht eher als Biologe oder Sprachwissenschaftler tätig? Ein bisschen erinnert das an den Anspruch der Pädagogik auf die „pädagogische Psychologie“ (die ja letztlich Psychologie unter einer bestimmten Fragestellung ist).
Einigen könnte man sich vielleicht auf folgende Formulierung: Anthropologie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die sich – unter Nutzung diverser anderer Fachrichtungen – mit einer Gesamtschau des Menschen in seinen biologischen, historischen und vor allem kulturellen Kontexten befasst. Historisch spielte dabei die vergleichende Kulturforschung eine besondere Rolle, in der u.a. die Methode der Feldforschung durch teilnehmende Beobachtung entwickelt wurde.
Ein anthropologisches Weltbild wäre somit dadurch gekennzeichnet, dass die Komplexität des Menschen als gleichzeitig evolutionär, biologisch, sozial und kulturell geprägtes Wesen betont wird. An der Richtigkeit dieser Sichtweise ist kaum ein ernsthafter Zweifel möglich; die Frage ist allerdings, auf welchen Wegen man sich der Konkretisierung dieser Wirkfaktoren nähert und ob man daraus etwas sinnvolles Ganzes machen kann, das über die Einzelerkenntnisse hinausreicht.
So wäre z.B. eine Abgrenzung der anthropologischen Theoriebildung von einer breiten historischen Perspektive (wie sie z.B. HARARI perfektioniert hat), kaum möglich. Auch die Betrachtungen von van SCHAIK und MICHEL über das „Mensch Sein“ könnten der Anthropologie zugeordnet werden;
Für die weiteren Betrachtungen in diesem Buch werden anthropologischen Forschungen oder Theorien eher selten eine Rolle spielen; wir werden uns bei der Suche nach den Erkenntnisgrundlagen für die Beantwortung gesellschaftlicher Fragen auf die empirischen Aussagen der Einzelwissenschaften (insbesondere Biologie und Psychologie) beziehen.
Naturwissenschaftliche Menschenbilder
Wenn die verschiedenen Naturwissenschaften Aussagen über die Gattung Mensch machen, geht es nicht um klassische Menschenbilder, also ganzheitliche, abstrakte und philosophisch angehauchte Wesensaussagen. Dargeboten werden vielmehr jeweils fachspezifische Befunde und deren theoretische Zusammenfassung, die das Ziel haben, die evolutionäre und kulturelle Entwicklung, das individuelle Erleben und Verhalten – aber auch das Zusammenleben in Gruppe und Gesellschaften zu beschreiben und zu erklären.
Das alles baut auf einem Weltbild auf, das den Menschen als Teil einer physikalisch-materiellen Welt sieht, die mit empirischen Methoden auf universelle kausale Gesetzmäßigkeiten hin untersucht und verstanden werden kann. Dieses Weltbild haben wir daher „naturwissenschaftlich“ genannt und benutzen dieses Charakterisierung auch für das gemeinsame Menschenbild.
Wenn wir in diesem Kapitel einige Beiträge der wichtigsten Humanwissenschaften genauer betrachten, bedeutet das aber eben nicht, dass wir jeweils von separaten fachspezifischen Menschenbildern (also einem biologischen, psychologischen, usw.) ausgehen. Jede wissenschaftliche Disziplin schaut aus einer bestimmten Perspektive auf den Menschen und kann so Teilantworten auf die Frage liefern, wie wir allgemein und ganz individuell zu den Wesen geworden sind, die heute diesen Planeten so dicht und machtvoll bevölkern.
Die folgende Darstellung wird versuchen, exemplarisch jeweils typische Methoden und Forschungsbefunde so auszuwählen, dass die Bedeutung des jeweiligen Ansatzes für die Erklärung menschlichen Verhaltens fassbar wird. Insgesamt steht dahinter die Frage, in welchem Umfang oder bis zu welchem Punkt solche objektiven Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge konkretes menschliches Verhalten kausal (aus den jeweiligen Bedingungen) ableitbar machen. Andersherum betrachtet steckt darin auch die Frage nach dem „Rest“: Was bleibt vorläufig oder prinzipiell unerklärbar – und welche Rolle spielt dabei die Autonomie des Menschen bzw. sein freier Wille?
Als essentielle Frage für das Selbstbild des Menschen formuliert: In welchem Ausmaß haben wir uns durch unser (Selbst-)Bewusstsein bzw. unsere sprachlichen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten aus der „kausalen Geschlossenheit“ der Physik ablösen können und eine Einsichtsfähigkeit und Autonomie entwickelt, die uns zu freien Entscheidungen und damit zu moralischen und schuldfähigen Wesen gemacht hat?
Dass Antworten darauf eine hohe Relevanz für die Lösung gesellschaftlicher Fragen und Konflikte in sich bergen, ist unmittelbar plausibel.
Biologie
Die Biologie ist die Wissenschaft vom Leben, vom lebendigen Teil unserer Umwelt. Sie umfasst u.a. die (evolutionäre) Entstehungsgeschichte unserer pflanzlichen und tierischen Mitgeschöpfe, die genetische und biochemische Basis unserer Lebensvorgänge und das komplexe Ineinandergreifen biologischer Systeme, beispielweise von Biotopen und Nahrungsketten. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten hat sich auch die Biologie immer stärker zu einer „Systemwissenschaft“ weiterentwickelt – nicht zuletzt auch durch den dramatischen Problemdruck, der durch Zerstörung von Lebensräumen, Klimawandel und Artensterben ausgelöst worden ist.
Während der Mensch aus physikalischer und chemischer Perspektive fraglos ein Bestandteil der materiellen Welt und dessen Naturgesetzlichkeiten ausgeliefert ist, verbindet uns aus biologischer Sicht unsere DNA (also unsere Erbinformation) eng und unlösbar mit jedem anderen Lebewesen, das jemals diesen Planeten bewohnt hat. Wissenschaftler sind sich inzwischen darüber einig, dass es ein Kontinuum bis zu einem ersten Ur-Lebewesen gibt („LUCA“ – Last Universal Common Ancestor), das vor ca. 3,6 Milliarden Jahren existiert hat.
Wenn auch die Geschichte des Lebens auf unserem Planeten extrem faszinierend ist, interessiert uns in Bezug auf unsere Zielsetzung (Erklärung menschlichen Verhaltens) sozusagen nur der letzte Zipfel des Evolutionspfades: Wie groß ist der Anteil unseres Seins, der sich durch unsere Verankerung in den Strukturen und Prozessen der Klasse der Säugetiere erklären lässt? Oder anders gefragt: Wieviel Tier steckt im Menschen? Und insbesondere: Wie eng ist die Verbindung zu anderen Mitgliedern der Familie der „großen Menschenaffen“ (u.a. Schimpansen und Bonobos)?
In den Büchern von Saplonsky und de Waal wird u.a. über die Beiträge der Tier-Verhaltensforschung und speziell der Primaten-Forschung zur Erhellung dieser Fragestellung ausführlich berichtet. Durch Beobachtungsstudien und mithilfe vielfältiger, oft extrem ausgeklügelten Experimente werden zahlreiche Verhaltensmuster (und ihre Verbindung mit dem jeweiligen Kontext) analysiert, die sich sowohl im Tierreich als auch beim Menschen auftreten. Dazu gehören Phänomene, die wir üblicherweise als Emotionen, Gerechtigkeitsempfinden, komplexe soziale Strukturen, Kommunikation, Werkzeuggebrauch, Lernen und Wissensweitergabe, Denken bzw. Planen und Ich-Bewusstsein bezeichnen würden.
Insgesamt kann man festhalten, dass die Forschung die letzten Jahrzehnte unser Bild vom Kompetenz- und Intelligenzspektrum unserer tierischen Vettern erheblich verändert bzw. erweitert hat. In immer mehr Bereichen schwindet die Vorstellung von einem qualitativen Sprung zwischen Tier und Mensch zugunsten eines Kontinuums: Entgegen traditioneller philosophischer und religiöser Vorstellungen haben wir es hier – bildhaft gesprochen – nicht mit einem Kippschalter, sondern mit einem Schieberegler zu tun (wir kommen im Bereich der Bewusstseinsforschung darauf zurück).
Aber was bedeutet das für unser Menschenbild als Ganzes? Kann das Bild vom autonomen Individuum aufrechterhalten werden, wenn ein beträchtlicher Teil unseres Alltagsverhaltens offensichtlich auf Mustern (heute würde man sagen: „auf Algorithmen“) aufbaut, die schlichtweg unser biologisches Erbe darstellen und bei unseren nächsten tierischen Verwandten in oft frappierender Ähnlichkeit auftreten?
Schaut man auf die Ebene der Teilprozesse – bis hin in die unfassbar komplexen Forschungen der Zellbiologie – dann wird schnell deutlich: Es gibt keine grundlegenden biologischen Prozesse, die wir nicht aus unserem evolutionären Erbe übernommen hätten. Es gibt in der Welt des Lebendigen nur jeweils ein Grundprinzip der DNA-Replikation, der Zellteilung, des Stoffwechsels oder der Nervenzelle. Das ist auch keineswegs überraschend, wenn man berücksichtigt, dass wir nach neuesten Schätzungen in 98% unseres Genoms mit Schimpansen übereinstimmen (bei der Maus sind es 85%, beim Huhn 60% und bei der Bananenpflanze ca. 50%).
Worauf will ich hinaus? Wenn sowohl auf der Ebene der biologischen Prozesse (und deren evolutionärer Verankerung), als auch im beobachtbaren Verhalten eine oft irritierend weitgehende Übereinstimmung zwischen (bestimmten) Tieren und dem Menschen besteht – und wenn wir uns einige sind, dass das Verhalten der Tiere letztlich biologisch determiniert ist (und nicht durch einen autonomen freien Willen) – dann müssen wir zugestehen, dass auch wir mit unserem Erleben und Verhalten in einem weit größeren Umfang biologisch bestimmt sind, als das unserem intuitiven Empfinden und den gängigen Narrativen entspricht.
Die Sichtweise eines kontinuierlichen Übergangs zwischen Mensch und Tier hat aber auch auf der anderen Seite Konsequenzen (bzw. sollte sie haben): Wir müssten uns der Tatsache stellen, dass wir es mit empfindungsfähigen und ansatzweise sich selbst bewussten Geschöpfen zu tun haben und damit mit einem moralisch-relevanten Gegenüber.
Und schon wird deutlich, warum Naturwissenschaften an Menschenbildern kratzen können!
In einem bemerkenswerten Buch hat MITCHELL (im Herbst 2023) dagegen eine Lanze für die Selbststeuerungs-Kapazitäten selbst bei einfachen Organismen gebrochen: Zunächst beschreibt er, wie biologische Systeme sich durch ihre selbst geschaffenen und weitergegebenen Organisationsstrukturen von den allgemeinen Kausalitäten der Teilchenphysik ein Stück loslösen und innerhalb der Dynamiken und Zielsetzungen der Evolution (Überleben, Fortpflanzen) eigene „kausale Kraft“ gewinnen könnten. In einem zweiten Schritt führt er dann aus, dass die immer komplexeren neuronalen Integrations-, Bewertungs- und Steuerungsinstanzen schließlich (spätestens beim Menschen) echte Autonomie bzw. Willensfreiheit ermöglichen würden.
Den abschließenden Beweis, dass Art und Umfang dieser internen Steuerung nicht weitestgehend durch vorangegangene biologische, psychologische und neuronale Einflüsse (in einem determinierenden Umfang) geprägt wurden, bleibt der Autor allerdings schuldig. Seine Argumentation reicht jedenfalls nicht aus, die entsprechende Gegenposition von SAPOLSKY zu entkräften: Mit seinem aktuellen Buch über Willensfreiheit will dieser seine Leserschaft mit Hilfe einer geradezu unüberschaubaren Menge von Einzelbefunden davon überzeugen, dass die Gesamtheit der prägenden Einflussfaktoren – inklusive ihrer komplexen Interaktionen – keine Lücke für das Wirken eines „freien“ Willens lasse.
Den gesellschaftlichen Implikationen dieser Grundsatzfrage wenden wir uns später zu.
Gibt es nun so etwas wie ein „biologisches Menschenbild“?
Der biologische Aspekt des menschlichen Seins ist tatsächlich so grundlegend und so zentral, dass es schwerfällt. ihn überhaupt zu fassen bzw. zu begrenzen. Was ist letztlich „nicht biologisch“ am Menschen – seitdem wir die Seele als metaphysisches Konzept hinter und gelassen haben, den Geist immer vollständiger in den Windungen und den Impulsen der neuronalen Netze finden und unsere Emotionen durch einen dauernd sich verändernden Hormoncocktail erklären können?
Nicht wegzudiskutieren ist jedenfalls, dass wir schlichtweg Tiere sind, die die gesamte Evolutionsgeschichte in den Genen tragen. Wir sind auch organismische Systeme, die in einer bis vor kurzem noch unverstandenen Totalität in biologische Kreisläufe eingebunden sind – angefangen von der Tatsache, dass unser Körper mehr nicht-menschliche Zellen von diversen Mikroorganismen enthält als menschliche, bis zu der Abhängigkeit von der globalen Artenvielfalt, die unser physisches Überleben auf allen denkbaren Ebenen sicherstellt.
Eine der grundsätzlichsten Fragen bzgl. des biologischen Charakters unseres Seins steckt in der relativen Bedeutung, die Vererbung bzw. Umwelteinflüsse für die Ausbildung von menschlichen Merkmalen und Persönlichkeiten haben. Seit Jahrzehnten wird – mehr oder weniger fachkundig, dafür sehr leidenschaftlich – um den vermeintlichen Vorrang von Genen vs. Umwelt gestritten; ein besonders beliebtes Terrain für diese Scharmützel ist dabei die Intelligenzforschung.
Die Zahlenwerte, die hier herumgeistern, werden wohl auch oft von denjenigen missverstanden, die sie (z.B. als Journalisten) publizieren. Sie beziehen sich in der Regel darauf, zu welchem Anteil die Unterschiede zwischen Messwerten in einer bestimmten Population (z.B. eines Landes oder einer ausgewählten Gruppe) statistisch den beiden Dimensionen zugeordnet werden können. Damit ist weder eine absolute Aussage über den „Erblichkeitsgrad“, noch über einzelne Personen möglich.[xiii]
Unabhängig von solchen Detailfragen lässt sich festhalten, dass die Bedeutung der genetischen Faktoren im wissenschaftlichen Diskurs die letzten Jahrzehnte eine deutliche Renaissance erleben durfte. Auch traditionell eher auf gesellschaftliche Wirkfaktoren gepolte Humanwissenschaftler räumen inzwischen ein, dass einige Aspekte der Persönlichkeit (z.B. das „Temperament“) in hohem Maße genetisch bestimmt werden.
Und diese Aufwertung der biologischen Prägung des Menschen steht keineswegs allein: Dazu kamen – gerade in den letzten ein bis zwei Dekaden – eine riesige Zahl neuer Befunde über die weitreichende Bedeutung früher Entwicklungsprozesse insbesondere in unserer neuronalen Ausstattung bzw. beim Aufbau grundlegender Steuerungssysteme (z.B. für die Regulation von Erregung oder Stress). Da diese Prozesse wiederum nachgewiesener Weise mit bestimmten Außeneinflüssen (z.B. durch Hormone oder schädigende Substanzen im Mutterleib) zusammenhängen, wird auch hier wieder deutlich, wie unauflösbar biologische Variablen mit Umweltfaktoren verstrickt sind; das spannende Feld der Epigenetik weist in die gleiche Richtung. Dem für unsere Fragestellung spannendsten Teilgebiet der modernen Biologie – der Hirnforschung – widmen wir ein eigenes Kapitel.
Aufgrund der Komplexität der Fragestellungen und Befunde gäbe es jede Menge Gründe, die Zusammenhänge zwischen unserem Verhalten und unseren körperlichen Voraussetzungen und Vorgängen weiter unter einer biologischen Perspektive zu betrachten. In seinem Monumentalwerk „Macht und Mitgefühl“ hat SAPOLSKY genau diesen Weg beschritten und hat dabei sehr großzügig auch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften und der Psychologie (insbesondere der Sozial- und Kognitionspsychologie) unter das große Dach der Biologie geholt. Auch in seinem Nachfolgewerk („Determined“) unterscheidet er nicht konsequent zwischen biologischen und psychologischen Prägungsfaktoren. Aber selbst, wenn alles ganz am Ende biologische Substanz hat: Es ist einfach nicht sinnvoll, alle geistigen, psychologischen oder kulturellen Phänomene auf der Ebener ihrer biologischen Basis zu betrachten und zu verstehen. Dieser Gedanke wird uns im Bereich der Gehirnforschung noch beschäftigen.
Ich möchte Ihnen deshalb ein anderes Vorgehen vorschlagen: Da uns für unsere spätere Fragestellung (der Bedeutung eines naturwissenschaftlichen Menschenbildes für die gesellschaftlichen Fragen) schwerpunktmäßig das Sozialverhalten und die kognitiven Prozesse rund um die Wahrnehmung, das Denken, das Planen, das Entscheiden und das Ich-Bewusstsein interessieren, will ich an dieser Stelle die Biologie als Basis-Wissenschaft verlassen. Sie wird uns aber ganz bald wieder begegnen, weil ja die Neurowissenschaften, die eine zentrale Rolle in der weiteren Diskussion spielen werden und ja ein – inzwischen sehr bedeutungsvoller und spezialisierter – Ableger der Biologie sind.
Zwischendurch wollen wir uns der – ebenfalls bedeutsamen – Humanwissenschaft „Psychologie“ zuwenden. Auch sie wird dann später im Rahmen der Hirn- und Bewusstseinsforschung noch mitmischen. Aus den Zusammenhängen können wir uns sowieso nicht lösen: Letztlich werden alle (soziologischen, psychologischen, sozialen, kulturellen…) Einflüsse und Erfahrungen zu biologischen Prozessen – denn sie alle hinterlassen Spuren in unserem Körper, insbesondere in unseren neuronalen Strukturen und Netzwerken. Und sollten sie das nicht tun – weder direkt noch indirekt – dann haben sie auch keinen Einfluss…
Noch eine Schlussbemerkung:
Dass die Biologie nicht nur eine „neutrale“ Grundlagenwissenschaft ist, sondern auch weitgehende gesellschaftliche Implikationen haben kann, wurde gerade in den letzten Jahren am Beispiel der Transgender-Diskussionen deutlich. Hier ist – zumindest durch einige Aktivisten-Kreise – ein nicht unerheblicher Druck aufgebaut worden: Nach diesen Vorstellungen sollte sich die Biologie als Wissenschaft von dem Konzept der biologisch-definierten Zweigeschlechtlichkeit weitgehend trennen und das Geschlecht vorrangig als eine gesellschaftlich-kulturelle Zuschreibung betrachten.
Psychologie
Die Psychologie als akademische Disziplin hat ihre Wurzeln in verschiedenen Traditionen und sowohl in den Natur- als auch den Geisteswissenschaften.
Die Psychologie als Naturwissenschaft nutzt empirische Forschungsmethoden, wie Experimente und Beobachtungsstudien, um das menschliche Verhalten und mentale Prozesse zu verstehen. Sie strebt an, universelle Gesetze und Prinzipien zu finden, die menschliches Verhalten erklären können. Sie lehnt sich stark an die biologischen Wissenschaften an und sieht das menschliche Verhalten als Produkt von genetischen und neurophysiologischen Prozessen.
In der akademischen Psychologie der letzten Jahrzehnte hat sich auch in Deutschland die empirisch- naturwissenschaftliche Orientierung weitgehend durchgesetzt. Das „Black-Box-Modell“, in dem nur beobachtbareren Input und beobachtbares Verhalten berücksichtigt wird, ist allerdings für alle Zeiten in der Mottenkiste gelandet. Stattdessen ist die Erforschung von kognitiven Prozessen, insbesondere auch der typischen Täuschungen, Verzerrungen und Bewertungsfehler ein vielbeachteter Forschungsbereich geworden.
Geht man von der Stellung der Psychologie im Reigen der Humanwissenschaften aus, kommt man schnell auf den Gedanken, dass sie eine wichtige Vermittlerposition innehat: Während auf der einen Seite der Dimension zeitgeschichtliche, kulturelle und soziale Einflüsse beschrieben und bzgl. ihres Einflusses auf menschliches Erleben und Verhalten analysiert werden können, stehen am anderen Ende die biologischen (insbesondere neuronalen) körperlichen Prozesse, die unmittelbar mit emotionalen, kognitiven oder motorischen Reaktionen verbunden sind. Da der Erklärungsabstand zwischen den beiden Perspektiven recht groß ist, tut sich eine Lücke auf – und genau die wird von der Psychologie ausgefüllt.
Während also z.B. die Soziologie Zusammenhänge zwischen Lebensbedingungen einer gesellschaftlichen Gruppe und individuellem Verhalten (nur) statistisch erfassen kann, untersucht die Psychologie die Mechanismen, durch die Umgebungsfaktoren im einzelnen Individuum in Verhalten „übersetzt“ werden. Dabei geraten natürlich auch die Aspekte in das Blickfeld, die individuell unterschiedliche Reaktionen auf die gleichen Bedingungen begründen (also z.B. frühere Erfahrungen, die sich in unterschiedlichen Persönlichkeiten manifestiert haben).
Das bedeutet aber wiederum nicht, dass es für jeden Menschen unterschiedliche psychische Prozesse gäbe: Natürlich sucht die Psychologie auch nach den allgemeingültigen Regeln, nach psychologischen Gesetzmäßigkeiten, die aber – anders als in der klassischen Physik – grundsätzlich nur Wahrscheinlichkeits-Aussagen erlauben.
Wie sieht die Abgrenzung auf der anderen Seite aus? Sind es wirklich psychologische Faktoren (wie Motivation oder Narzissmus), die unser konkretes Verhalten in einem bestimmten Moment determinieren? Auch hier kann man sich wieder eine Art Übersetzungsvorgang vorstellen: Den psychologischen Begrifflichkeiten entsprechen bestimmte biologische (neuronal-hormonelle) Muster oder Strukturen, die in diesem Augenblick einen bestimmten Gedanken oder Handlungsimpuls (z.B. das Aussprechen einer Beleidigung) auslösen – zumindest aber sehr wahrscheinlich machen.
Nochmal ganz kurz: Die Psychologie steht zwischen den sehr groben (soziologischen) und den sehr feinen (biologischen) Verursachungsgliedern; zu beiden Seiten gibt es Überschneidungen und Wechselwirkungen. Sie befasst sich mit dem individuellen Menschen als lernende, denkende, fühlende und handelnde Einheit, mit seinen Besonderheiten und seiner Einbindung in Regelhaftigkeiten.
Welche Auswirkungen hat das auf das Menschenbild der Psychologie?
Das lässt sich jetzt relativ einfach beantworten: Der einzelne Mensch steht im Vordergrund! Psychologisches Verstehen heißt meist: den einzelnen Menschen in seiner Wahrnehmung, seinem Selbstbild, in seinem Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen. Und zwar weder als einen willenlosen Vertreter einer gesellschaftlichen Gruppe, noch als biologisch programmierten Roboter, der nur längst festgeschriebene neuronale Algorithmen abspult.
Die Psychologie ist für viele Menschen auch deshalb so attraktiv, weil sie das „Besonders-Sein“ thematisiert und Erklärungen für die spannenden (oft nicht bewussten) inneren Mechanismen verspricht. Die Beschäftigung mit der Einzigartigkeit steht dann ja auch in einem der wichtigsten Anwendungsfelder der Psychologie, nämlich der Psychotherapie, im Mittelpunkt.
Auf diesem Hintergrund hat sich eine in den 60iger und 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts die Bewegung der „Humanistischen Psychologie/Psychotherapie“ ausgebildet. Im Rahmen der Befreiung von repressiver Sexualmoral und im Kontext feministischer, friedensbewegter und politisch-progressiver Konzepte entstand eine facettenreiche Psycho-Szene, in der weniger empirische Befunde als die Verwirklichung und Erweiterung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund standen (z.B. in der Gestalttherapie und in diversen Encouter- und Selbsterfahrungsgruppen – mit fließendem Übergang zur esoterischen Welt). Im Vergleich zu der aktuellen, meist auf verwertbare Selbstoptimierung ausgelegten Coaching-Angeboten spielt die humanistische Psychologie heute nur noch eine untergeordnete Rolle.
Natürlich hat sich auch die relativ junge Disziplin der Psychologie inzwischen in eine ganze Reihe von Teildisziplinen aufgesplittet, z.B. die Entwicklungspsychologie, die Kognitionspsychologie oder die Sozialpsychologie. Gleichzeitig stehen die Forscher/innen in engen interdisziplinären Austausch mit Neurowissenschaftlern, Verhaltensökonomen, Sozialwissenschaftlern oder auch Philosophen.
Ihre Anwendungsbereiche ragen inzwischen weit über traditionelle Gebiete wie Pädagogik, Therapie oder Werbung hinaus: Psychologische Fachlichkeit fließt inzwischen auch in die Bewusstseinsforschung und die Entwicklung von „Deep Learning“ bei KI-Systemen und humanoiden Robotern.
Ähnlich wie im gerade diskutierten Bereich der Biologie ist für unsere Fragestellung entscheidend, welche psychologischen Faktoren und Mechanismen (Algorithmen) uns als Menschen allgemein und in unser individuellen Identität prägen und – vor allem – in welchem Umfang sie das tun. Die wissenschaftliche Psychologie ist sich da keineswegs einig: Man findet jede Menge Theorien, die ganz selbstverständlich die Autonomie eines (erwachsenen, geistig und emotional gesunden) Menschen voraussetzen; eine Alternative zu diesem Konzept wird häufig erst gar nicht thematisiert.
Gleichzeitig – und erstaunlicher Weise oft unverbunden – werden in unzähligen Untersuchungen Befunde präsentiert, die die prägende Kraft früher Erfahrungen (mit Beginn während der Schwangerschaft) eindrucksvoll nachweisen. Dies ist besonders publikumswirksam im Bereich der Bindungsforschung und bei frühen Traumatisierungen gelungen.[xx]
Es ist nur schwer nachzuvollziehen – aber es scheint da eine Art (unbewusste?) Schwelle zu geben: Man darf zwar als psychologischer Forscher/in jede Menge Einzelbefunde ansammeln, die das Überführen von Erlebnisses und Erfahrungen in psychische Strukturen und von diesen dann in konkretes Verhalten belegen – aber es scheint geradezu tabuisiert zu sein, sich die Frage zu stellen, was denn wohl das kumulative Zusammenspiel all dieser Faktoren bedeutet. Könnte da etwa aus den diversen Prägungen so etwas wie eine weitgehende Festlegung werden?! Man handelt lieber nach dem Motto: „Bloß keine Diskussion über Determiniertheit!“ So besteht ein sprachloses Nebeneinander von psychologischem Faktenwissen und traditionellen Konzepten, die letztlich auf ideologischen Quellen oder traditionellen Narrativen beruhen – dem „gesunden Menschenverstand“.
Statt darüber nachzudenken, wie weit denn tatsächlich das konkrete Entscheidungs- und Handlungsspektrum durch die in Persönlichkeitsmerkmalen verdichteten Vorerfahrungen eingeschränkt wird, zieht sich auch die akademische (forensische) Psychologie/Psychiatrie weiterhin auf traditionelle Kategorien von „Schuldfähigkeit“ zurück – mit den wenigen klar definierten Ausnahmen, meist im Rahmen psychischer Erkrankungen.
Wir kommen auf dieses Thema zurück.
So bleibt das Menschenbild der Psychologie letztlich vielschichtig und uneindeutig, mit einem manchmal etwas verwirrenden Nebeneinander von Konzepten und Theorien. Wohl auch deshalb wurde dieser Fachbereich von den besonders geradlinigen Disziplinen, wie Medizin, Biologie, Chemie und Neurologie nicht immer für voll genommen.
Verändert hat sich das spätestens mit der engen Zusammenarbeit zwischen Psychologie und der modernen Neurowissenschaft – sogar eine neue Teildisziplin namens „Neuropsychologie“ hat sich inzwischen etabliert.
Den für das aktuelle Menschenbild extrem bedeutsamen Neurowissenschaften widmen wir ein Extra-Kapitel.
Resümee
Die Länge dieses Kapitels markiert es unübersehbar: Die Frage des Menschenbilds ist für die weiteren Betrachtungen in diesem Projekt zentral!
Was sollte auch bedeutsamer für die Gestaltung sozialer bzw. staatlicher Gemeinschaften sein als die Vorstellungen vom Wesenskern des Menschen.
Insbesondere die Ideen und das Wissen darüber, wie Menschen zu einzigartigen Persönlichkeiten – mit Eigenschaften, Fähigkeiten und Weltanschauungen werden, bilden – ausgesprochen oder im Hintergrund – die Grundlagen für Normen, Moral, Ideologien und Regierungssysteme.
In diesem Projekt soll eine Sichtweise des Menschen in den Mittelpunkt gerückt werden, die sich von traditionellen (religiösen, philosophischen oder ideologischen) löst und auf den Erkenntnissen der modernen Humanwissenschaften aufbaut. Daher standen auch in diesem Kapitel die Biologie und die Psychologie Im Fokus – ergänzt um das Sonderkapitel zu den Neurowissenschaften.
Bereits die hier zusammengetragenen Erkenntnisse bringen tief verwurzelte Vorstellungen über Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen ins Wanken. Dieser Gedanken- und Argumentationsstrang wird in den Kapiteln „Ichwerdung“ und „Lebenslenkung“ weiterverfolgt.
Zum Weiterdenken
Wie stark können sie sich mit einem bestimmten Menschenbild identifizieren? Hat sich das im Eingangstest niedergeschlagen?
Gab es Situationen in Ihrem Leben, in denen Sie aktiv für Ihr Menschenbild eingetreten bzw. gekämpft haben? Kommt so etwas heutzutage noch vor?
Spüren Sie innere Widersprüche zwischen verschiedenen Menschenbildern, die Sie in sich tragen? Wie gehen Sie damit um?
Haben Sie versucht, Ihr Menschenbild an Ihre Kinder weiterzugeben? Oder bei Freunden dafür zu werben?
Bringen einige Formulierungen in meinem Text Sie in Wallung? Welches Menschenbild wird angegriffen?
Vorläufer-Themen
Wie weit reichen die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen? Was können wir erforschen und was wird uns für immer verborgen bleiben?
Welche grundlegenden Vorstellungen gibt es von unserer Welt und unserem Universum? Wo kommt alles her und wie hängt alles zusammen?
Wie funktioniert Wissenschaft? Warum hat sie so eine einzigartige Bedeutung für die WELTERKÄRUNG? Wie groß sind Risiken und Missbrauchsgefahr?
Parallel-Themen
Gibt es mehr Trennendes oder Verbindendes zwischen uns und unseren tierischen Mitgeschöpfen?
Nachfolge-Themen (Auswahl)
War und ist alles in unserem Universum festgelegt und vorherbestimmt? Läuft seit Milliarden Jahren alles ab wie ein riesiges Uhrwerk?
Macht die Fähigkeit zu autonomen Entscheidungen uns als Menschen aus – oder ist das Gefühl der freien Entscheidung eher eine Illusion? Wie lässt sich das Bild der Wissenschaft mit der Alltags-Intuition verbinden?
Lüftet die Hirnforschung bald die letzten Geheimnisse über das menschliche Bewusstsein? Haben wir ein Gehirn oder sind wir unser Gehirn? Bleibt das Bewusstsein ein ewiges Geheimnis?
Zu welchen Schlussfolgerungen hinsichtlich der modernen wissenschaftlichen Erklärung der Welt kann man kommen?
Relevante Buchbesprechungen
Relevante YouTube-Videos
Yuval Noah HARARI (arte-Gespräch)
In diesem Video diskutieren der Historiker Yuval Noah HARARI und die Moderatorin über die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Mythologie und menschlichem Verhalten.
arte: „Die überschätzte Spezies“
Eine facettenreiche Relativierung unserer Bedeutung und unseres Stellenwertes für und Stellenwert – auf unserem Planeten und im Universum. Gut gegen narzisstische Selbstüberhöhung!
Ein kurzes Erklär-Video
In diesem an Erzieherinnen gerichteten Video wir das allgemeine Konzept des Menschenbildes kurz und knapp erklärt.
Es gibt keine inhaltlichen Bespiele.
Ein kurzes Erklär-Video
In diesem gut gemachten Animations-Video wird das „Humanistische Menschenbild“ als Beispiel für viele mögliche Menschenbilder erklärt.
GLOSSAR
Eine kurze Erklärung der wichtigsten Begriffe
- WELTERKLÄREN: Das Ziel, die Welt und ihre Phänomene, einschließlich des menschlichen Seins, zu verstehen und zu erklären.
- Menschenbilder: Fundamentale Annahmen über das Wesen, die Eigenschaften und die Motivationen des Menschen.
- Weltbilder: Umfassende Sichtweisen auf die Realität, die Natur des Kosmos, die Rolle des Menschen darin und oft auch ethische und metaphysische Annahmen.
- Erdachte Menschenbilder: Menschenbilder, die nicht primär auf empirischer Forschung, sondern auf Glauben, philosophischer Reflexion oder ideologischen Überzeugungen basieren.
- Spirituelle Menschenbilder: Perspektiven auf den Menschen, die oft einen Schöpfungsakt, eine geistig-seelische Dimension und eine Verbindung zu einem höheren Wesen betonen.
- Esoterische Menschenbilder: Offenere, weniger dogmatische spirituelle Sichtweisen, die oft individuelle spirituelle Erfahrung, Intuition und nicht-wissenschaftliche Zugänge zur Wahrheit betonen.
- Philosophische Menschenbilder: Die vielfältigen Vorstellungen über den Menschen, seine Vernunft, Moral, seinen Platz in der Welt und seine Existenz, entwickelt durch philosophische Traditionen und Denkschulen.
- Ideologische Menschenbilder: Menschenbilder, die aus politischen Überzeugungssystemen stammen und Annahmen über menschliches Verhalten, Gesellschaftsordnung und politische Ziele enthalten.
- Geistes-/Sozialwissenschaftliche Menschenbilder: Perspektiven auf den Menschen, die ihn im kulturellen, sozialen und historischen Kontext untersuchen und oft empirische Methoden der Sozialforschung nutzen.
- Soziologie: Die Wissenschaft von der Gesellschaft, ihren Strukturen, Ordnungen und Entwicklungen und deren Einfluss auf den Menschen.
- Wirtschaftswissenschaften: Die Wissenschaft von der Produktion, Verteilung und dem Konsum von Gütern und Dienstleistungen und dem menschlichen Verhalten in wirtschaftlichen Kontexten.
- Geschichtswissenschaften: Die Disziplin, die sich mit der Analyse und Interpretation vergangener menschlicher Ereignisse und Entwicklungen befasst.
- Anthropologie: Die umfassende Wissenschaft vom Menschen in all seinen Aspekten: biologisch, kulturell, sozial, historisch und sprachlich.
- Naturwissenschaftliche Menschenbilder: Perspektiven auf den Menschen, die auf empirischen Methoden der Naturwissenschaften basieren und den Menschen als Teil der physikalisch-materiellen Welt und biologischer Systeme sehen.
- Biologie: Die Wissenschaft vom Leben, seinen Prozessen, Strukturen und seiner Evolution.
- Psychologie: Die Wissenschaft vom Erleben, Verhalten und den mentalen Prozessen des Menschen.
- Determiniertheit: Die Annahme, dass alle Ereignisse, einschließlich menschlichen Verhaltens, durch vorhergehende Ursachen festgelegt sind.
- Freier Wille: Die Vorstellung, dass Menschen die Fähigkeit haben, autonome Entscheidungen zu treffen, die nicht vollständig durch äußere oder innere Faktoren bestimmt sind.
- Kontinuum (Mensch-Tier): Die biologische Sichtweise, dass es keinen qualitativen Bruch, sondern einen fließenden Übergang in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten, Verhaltensweisen und kognitive Merkmale zwischen Mensch und Tier gibt.
- Homunculus oeconomicus: Ein vereinfachtes Modell des Menschen in der klassischen Wirtschaftstheorie, der als rein rationaler, eigennütziger Nutzenmaximierer handelt.
- Empirisch-naturwissenschaftlich: Basierend auf Beobachtung, Experimenten und der Suche nach universellen kausalen Gesetzmäßigkeiten.
- Epigenetik: Die Untersuchung von vererbbaren Veränderungen der Genexpression, die nicht auf Veränderungen der DNA-Sequenz selbst beruhen, aber durch Umwelteinflüsse beeinflusst werden können.
- Neuropsychologie: Eine Teildisziplin, die sich mit den Beziehungen zwischen Gehirnfunktion und Verhalten befasst.
Alles erfasst?
Vielleicht haben Sie Lust zu überprüfen, ob Ihnen die wichtigsten Gedankengänge des Textes noch präsent sind. Zur Kontrolle können Sie die Ihre Antworten auf die folgenden Fragen überprüfen.
- Was ist der Hauptunterschied zwischen „Erdachten Menschenbildern“ und denen aus Geistes-/Sozial- oder Naturwissenschaften, laut dem Text?
- Warum haben laut dem Text spirituelle und esoterische Menschenbilder eine begrenzte Erklärungskraft für menschliches Erleben und Verhalten?
- Nennen Sie zwei Wege, auf denen Philosophen laut dem Text Erkenntnisse über den Menschen gewinnen.
- Wie unterscheidet sich das Menschenbild des Kommunismus von dem der Liberalen Demokratie in Bezug auf das Individuum?
- Welchen Beitrag leistet die Soziologie zum Verständnis des Menschen?
- Wie hat sich das Menschenbild in den Wirtschaftswissenschaften laut dem Text entwickelt?
- Was ist laut Yuval Noah Harari (erwähnt im Text) eine Grundlage für den Aufstieg des Homo Sapiens?
- Welche zentrale Frage zieht sich durch die Betrachtung der naturwissenschaftlichen Menschenbilder?
- Was bedeutet die Aussage, dass es zwischen Tier und Mensch ein Kontinuum gibt (im biologischen Kontext)?
- Welche Rolle nimmt die Psychologie laut dem Text im Reigen der Humanwissenschaften ein?
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