Der Rote Faden
Der Titel dieser Seite macht unmissverständlich klar, dass hier der Bereich des naturwissenschaftlichen WELTERKLÄRENs verlassen wird. Der Bereich der persönlichen, eher emotionalen und intuitiven Begegnung mit der uns umgebenden Realität wird in diesem Projekt „WELTZUGÄNGE“ genannt.
Das Kapitel „Spiritualität“ ist dabei – zusammen mit dem Abschnitt „Lebenssinn“ – ein guter Einstieg, weil es ein Oberbegriff für einzelne möglichen Quellen von Spiritualität und Transzendenz darstellt.
Einzelne Aspekte (u.a. Religion und Esoterik) erhalten wegen ihrer besonderen Bedeutung noch eigene Beachtung bzw. Betrachtung.
Auch wenn die WELTZUGÄNGE hinsichtlich der abschließenden Betrachtungen zur WELTGESTALTUNG sicher weniger Bedeutung haben als die WELTERKLÄRUNG, so wäre doch eine Betrachtung der menschlichen Voraussetzungen ohne diesen Aspekt unvollständig.
Tipp: Besonders interessant ist die Rückmeldung über Ihre eigene Haltung zu diesem Thema, wenn Sie den Test vor dem Lesen durchführen.
Was ist Spiritualität
Mit der Suche nach bzw. dem Erleben von Spiritualität (und Transzendenz) meinen wir Erfahrungen, die über den persönlichen und alltäglichen Horizont der unmittelbaren Sinneseindrücke und biologischen Bedürfnisse hinausreichen und so etwas wie das Empfinden von Eingebundensein in größere (kosmische oder naturhafte) Zusammenhänge ermöglichen.
Spirituelle Erlebnisse werden oft als tief, ergreifend und existentiell bedeutsam beschrieben und werden von den dafür sensiblen und zugänglichen Personen nicht selten als die intensivsten Erfahrungen überhaupt bewertet.
Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang auch von einer „Auflösung der Ichgrenzen“ gesprochen: Die Grenzen um die eigene Person scheinen also durchlässig zu werden; das eigene (kleine) Sein verliert angesichts der spürbar werdenden großen Zusammenhänge an Bedeutung. Alltagsprobleme können sich relativieren – möglichweise auch die Angst vor dem Ende der eigenen irdischen bzw. biologischen Existenz.
Aber natürlich müssen spirituelle Erfahrungen keineswegs immer so gewaltig sein: Auch eine kurze Besinnungszeit in einer eindrucksvollen Kathedrale oder ein einsamer Waldspaziergang können Empfindungen auslösen, die sich deutlich von dem Gedankenkarusell der Alltagsroutinen unterscheiden.
Es gibt keine Vorschriften und Regeln auf dem Weg zu Spiritualität.
Von einer allgemeinen Such nach Sinn für das eigene Leben stellt das Spirituelle einen Ausschnitt dar, der sich eher von der Alltagswelt entfernt.
Es spricht einiges dafür, auch für den weiteren Text die Vorstrukturierung durch den angebotenen Test zu nutzen:
Religion
Für einen großen Teil der Weltbevölkerung ist die Frage nach der Quelle von Spiritualität und Transzendenz ganz automatisch beantwortet: durch die Geburt in ein bestimmtes Glaubenssystem hinein. Der Bezug zu einem allmächtigen Schöpfergott, der sich in der Übernahme bestimmter religiöser Überlieferungen bzw. Erzählungen, der Anerkennung bestimmter Gebote und Verbote und das Ausüben bestimmter Praktiken (Gebet, Gottesdienst) ausdrückt, macht für sehr viele Menschen eine Suche nach alternativen Erfahrungen überflüssig.
Hier geht es zum gesonderten Abschnitt über den WELTZUGANG Religion.
Esoterik
Esoterische Theorien und Praktiken haben für einen beträchtlichen Anteil der Menschen, die nach spirituellen Erfahrungen suchen, die etablierten Religionen ersetzt.
Auch hierzu gibt es ein eigenes Kapitel mit einem gesonderten Test.
Säkulare Spiritualität
Hier ist die Abgrenzung zur allgemeinen Sinnsuche besonders schwierig: Je nach innerer Gestimmheit können die Grenzen verschwimmen: Wo der eine eine Art Bestimmung darin findet, seine musikalische Kreativität zu entwickeln, entdeckt vielleicht eine andere im Musizieren einen Zugang zu spirituellen Erlebnissen.
Eine Übereinstimmung lässt sich aber sicher darüber erzielen, dass es menschliche Erfahrungen gibt, die Türen zu einer besonderen Tiefe oder Intensität öffnen, vielleicht sogar zu einer völlig anderen Dimension.
Solche Erfahrungen können beispielsweise durch äußere Sinnesreize ausgelöst werden: So berührt es die meisten von uns, wenn wir grandiose Naturschauspiele beobachten können, uns die Erhabenheit von Bauwerken oder die überwältigende Kraft musikalischer Meisterwerke in ihren Bann ziehen. Manchmal wird dann so etwas gesagt wie: „Das war überirdisch schön!“, oder: „Ich habe mich selbst einen Moment ganz vergessen“.
Andere Menschen suchen und finden Aspekte von weltlicher Spiritualität eher im Innern: in tiefer Entspannung, in der Meditationspraxis, beim ekstatischen Tanz oder bei Yoga-Übungen.
Gemeinsam ist der Umstand, dass die Grenzen des Alltags ohne Zuhilfenahme einer externen Instanz oder Kraft überwunden werden können.
Drogen
Der Einsatz von berauschenden bzw. bewusstseinsverändernden Substanzen gehört ohne Zweifel zu den am weitest verbreiteten kulturellen Techniken der Menschheit. Ihr Einsatz dient(e) sicherlich verschiedenen Zielen: Dazu gehören die Überwindung von Einsamkeit und Leere, die Regulation von bedrohlichen Gefühlen wie Schmerz und Angst, das Herstellen von Gemeinschaftserfahrungen und der Wunsch, zu Verstorbenen, Geistern oder Göttern Kontakt aufzunehmen.
Darüber hinaus sind mit vielen bewusstseinsverändernden Drogen aber auch Erfahrungen verbunden, die das Potential in sich tragen, ICH-Grenzen zu überwinden bzw. eine tief empfundene „kosmische“ Zugehörigkeit auszulösen. Natürlich gilt dies nicht für den banalen Alkohol-Rausch, sondern eher für psychedelische Substanzen wie MMDA, LSD oder Psilocybin.
Zwei Haupt-Risikofaktoren müssen allerdings genannt werden: Bei einem großen Teil von Rauschmitteln besteht ein hoher Suchtfaktor; bei anderen ist die tatsächliche Wirkung im Einzelfall nicht sicher zu kontrollieren.
Viele Menschen lehnen daher für sich die Nutzung von Bewusstseins-verändernden Substanzen prinzipiell oder weitgehend ab.
Die Entscheidung , sich mit dem normalen Wachbewusstsein zufrieden zu geben, kann aber auch ganz andere Gründe haben: So schätzen manche Menschen die geistige Klarheit eines ungetrübten Bewusstseins sehr hoch ein und erleben gerade in diesem Zustand die für sie bedeutsamsten Geisteszustände. Anderen wiederum gelingt es ganz ohne externe Substanzen – in Verbindung mit Musik, ästhetischen Reizen, Sex oder Meditation – Ausnahmeerlebnisse zu generieren, die andere dem Drogenkonsum zuschreiben würden.
Liebe
Manche mögen es als romantische Verirrung ansehen, dass hier im Kapitel über Spiritualität und Transzendenz von Liebesbeziehungen die Rede ist. Tatsächlich müssen wohl ein paar Faktoren zusammenkommen, damit sich das Empfinden von intensiver Liebe ähnlich wie ein Erleuchtungserlebnis oder ein Ehrfurcht auslösendes Naturereignis anfühlt. So wie nicht jeder von einer Bach-Kantate tief ergriffen wird, werden auch nicht alle Liebenden vor purem Glück und ICH-Entgrenzung in Tränen zerfließen. Vielleicht bekommen ja manche im Moment des sexuellen Höhepunktes eine Ahnung davon; für andere hingegen ist die Überwindung der existentiellen Einsamkeit ein „normaler“ Bestandteil ihres Beziehungsglücks. Man kann sie beneiden…
Hedonismus
Hedonismus als Weg zur Spiritualität? Ist das ein Witz?
Tatsächlich kann man zu der Einschätzung kommen, dass eine genussorientierte Sicht- und Lebensweise genau den Gegensatz zu der und den Verzicht auf die Suche nach Spiritualität bzw. Transzendenz darstellt: Bedürfnisbefriedigung im Hier und Jetzt, je mehr, desto besser!
Daraus lässt sich mit einiger Mühe vielleicht ein Lebenssinn basteln – so etwas wie Spiritualität sicher nicht.
Genauso abwegig wäre jedoch die Schlussfolgerung, dass es einer weltabgewandten Genussfeindlichkeit bedürfe, um sich überhaupt den Regionen von Spiritualität oder Transzendenz zu nähern. Zwar mag auch eine extreme Askese einen Weg in diese Regionen öffnen; eine notwendige Eintrittskarte ist sie sicher nicht.
Resümee
Auch in diesem Kapitel soll am Ende es um die Frage gehen, wie sich WELTZUGÄNGE mit einem rational-wissenschaftlichen Weltbild vereinbaren lassen.
Wie wir gesehen haben, gibt es neben den „jenseitigen“ Quellen für Spiritualität (Religion und Esoterik) auch jede Menge Möglichkeiten, seinen Alltagshorizont auf Wegen zu überwinden, die keinen Konflikt mit Wissenschaft und Logik heraufbeschwören. Man muss als rationaler Mensch kein verkopfter Bücherwurm oder ein digital-verseuchtes Schmalspurwesen sein: Man kann von der Natur, der Musik, der Kunst und der Liebe fasziniert und angerührt sein – in allen denkbaren Gefühlstiefen.
Und dann warten ja noch die sinnstiftenden Tätigkeiten jenseits von Spiritualität und Transzendenz…(„Lebenssinn„).
Zum Weiterdenken
Sind Sie selbst der „spirituelle Typ“? Verlassen Sie hin und wieder die meist so sachliche und zweckgebundene Alltagsebene, um sich tiefen und existenziellen Erfahrungen hinzugeben?
Sollten wir in unserer Gesellschaft mehr Raum und Anlässe für Spiritualität schaffen – auch als Ersatz für die verlorengegangene religiöse Bindung?
Ist ein Leben ohne spirituelle oder transzendente Bezugspunkte wirklich ein „ärmeres“ Dasein? Verpasst man einen Teil von Menschsein?
Vorläufer-Themen
Was macht den Wesenskern des Menschen aus? Was macht ihn zum Menschen? Welche Stellung hat er im Universum?
Zu welchen Schlussfolgerungen hinsichtlich der modernen wissenschaftlichen Erklärung der Welt kann man kommen?
Parallel-Themen
Welche persönlichen Zugänge zur Welt nutzen die Menschen, um über Spiritualität hinaus eine persönliche Erfüllung in ihrem Leben zu finden? In welchen Tätigkeiten finden Sie Sinn?
Welche Rolle kann die Bindung an ein religiöses Glaubenssystem in unserem Leben spielen? Welche Verbindungen gibt es zwischen Religion und gesellschaftlichen Fragen – auch bedenkliche?
In welchen besonderen Lehren und Praktiken suchen Menschen Erfahrungen bzw. Erkenntnisse, die außerhalb der rational-empirischen Weltzugänge liegen? Wie sind die Folgen einzuschätzen?
Nachfolge-Themen (Auswahl)
Wie sind die unterschiedlichen WELTZUGÄNGE hinsichtlich der anstehenden Gestaltungsfragen zu beurteilen?
Relevante Buchbesprechungen
Relevante YouTube-Videos
arte: Über neue Spiritualität
Eine sehr aktuelle und informative (2025) Doku über die verschiedenen Strömungen, die der klassischen Religiosität andere Wegge zu transzendenten Erfahrungen entgegensetzen.
GLOSSAR
Eine kurze Erklärung der wichtigsten Begriffe
- Weltzugänge: Beschreibt den Bereich der persönlichen, emotionalen und intuitiven Begegnung mit der Realität, jenseits des naturwissenschaftlichen Weltverstehens.
- Spiritualität: Erfahrungen und Suche nach dem Erleben, das über den persönlichen und alltäglichen Horizont hinausreicht und das Empfinden von Eingebundensein in größere Zusammenhänge ermöglicht.
- Transzendenz: Das Überschreiten der Grenzen der alltäglichen oder materiellen Welt; im Kontext des Textes oft eng verbunden mit spirituellen Erfahrungen.
- Welterklärung: Der naturwissenschaftliche Bereich des Verstehens und Erklärens der Welt und ihrer Phänomene.
- Lebenssinn: Die persönliche Suche nach Bedeutung und Erfüllung im Leben, die über Spiritualität hinausgehen kann.
- Religion: Ein Glaubenssystem, das oft einen Bezug zu einem allmächtigen Schöpfergott, Überlieferungen, Geboten und Praktiken umfasst und für viele eine Quelle der Spiritualität darstellt.
- Esoterik: Theorien und Praktiken, die alternative Wege zu spirituellen Erfahrungen suchen und für viele Menschen die etablierten Religionen ersetzen.
- Säkulare Spiritualität: Spiritualität, die unabhängig von religiösen oder esoterischen Systemen erfahren wird, oft durch äußere Reize (Natur, Kunst, Musik) oder innere Praktiken (Meditation, Yoga), ohne Zuhilfenahme einer externen Instanz.
- Auflösung der Ichgrenzen: Ein Zustand, der bei intensiven spirituellen Erfahrungen auftreten kann, bei dem die Grenzen des eigenen Selbst als durchlässig empfunden werden und das Gefühl der Eingebundenheit in größere Zusammenhänge überwiegt.
- Bewusstseinsverändernde Substanzen: Substanzen, die den Geisteszustand beeinflussen und potenziell spirituelle oder transzendente Erfahrungen auslösen können, wie im Text im Kontext psychedelischer Drogen erwähnt.
- Hedonismus: Eine Lebensphilosophie, die Genuss und die Befriedigung von Bedürfnissen als höchstes Gut betrachtet; im Text als Gegensatz zur Suche nach Spiritualität dargestellt.
- Weltgestaltung: Der Prozess des bewussten Beeinflussens und Formens der Welt, oft im gesellschaftlichen oder ethischen Bereich, basierend auf den Erkenntnissen aus „Welterklärung“ und „Weltzugänge“.
Alles erfasst?
Vielleicht haben Sie Lust zu überprüfen, ob Ihnen die wichtigsten Gedankengänge des Textes noch präsent sind. Zur Kontrolle können Sie die Ihre Antworten auf die folgenden Fragen überprüfen.
- Was unterscheidet den Bereich der „Weltzugänge“ von der „Welterklärung“ im Text?
- Warum ist das Kapitel „Spiritualität“ ein guter Einstieg in die „Weltzugänge“?
- Was sind laut Text typische Merkmale spiritueller Erfahrungen?
- Wie wird die „Auflösung der Ichgrenzen“ im Kontext spiritueller Erlebnisse beschrieben?
- Wie unterscheidet sich die religiöse Quelle der Spiritualität von anderen?
- Was ist ein Kennzeichen der säkularen Spiritualität im Gegensatz zur Religion oder Esoterik?
- Nennen Sie zwei Beispiele für äußere Sinnesreize, die säkulare Spiritualität auslösen können.
- Welches Potenzial wird psychedelischen Substanzen im Zusammenhang mit Spiritualität zugeschrieben?
- Warum wird Hedonismus im Text als unwahrscheinlicher Weg zur Spiritualität betrachtet?
- Was ist das zentrale Fazit des Kapitels „Über Spiritualität“?
Kommentare zu dieser Seite
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