Der Rote Faden
Wir erkunden an dieser Stelle ausführlich die Methoden des WELTERKLÄRENS innerhalb eines rational-empirischen Blicks auf unsere Welt.
Natürlich sind es die Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, die durch ihr systematisches Vorgehen und die permanente Selbstüberprüfung immer wieder neue Erkenntnisse generieren und diese in immer ausgefeiltere Technologien umsetzen.
Eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Weltbildern und den Möglichkeiten der Erkenntnis wäre eine gute Vorbereitung auf dieses Kapitel.
Dieser allgemeinen Betrachtung zur Wissenschaft folgen dann weitere Kapitel, die sich auf die Erkenntnisse über den Menschen konzentrieren. Dabei wird auf einzelne Wissenschafts-Disziplinen ausführlich eingegangen (die Links finden Sie am Ende dieser Seite).
Tipp: Besonders interessant ist die Rückmeldung über Ihre eigene Haltung zu diesem Thema, wenn Sie den Test vor dem Lesen durchführen.
Üblicher Weise wird der Beginn eines wissenschaftlichen Zugehens auf die Welt mit dem griechischen Altertum in Verbindung gebracht. Insbesondere ARISTOTELES betonte bereits den Wert der Beobachtung und des logischen Denkens und wendete diese Methoden auf die Untersuchung von Tieren und Naturphänomenen an. Bei ihm finden sich beschreibende Klassifizierungen ebenso wie deduktive und induktive Schlussfolgerung. Systematische Experimente führte er dagegen wohl noch nicht durch.
Erkenntniswege
Damit sind einige der wichtigsten Erkenntniswege der modernen Naturwissenschaften schon genannt:
Beobachtung: Naturwissenschaftler beobachten sorgfältig Phänomene und Ereignisse in der natürlichen Welt. Durch genaue Beobachtungen können sie Muster, Zusammenhänge und Verhaltensweisen identifizieren, die zur Formulierung von Hypothesen und Theorien führen.
Experiment: Experimente sind ein wesentlicher Bestandteil der naturwissenschaftlichen Forschung. Durch die gezielte Manipulation von Variablen und die Kontrolle anderer Faktoren können Naturwissenschaftler Ursache-Wirkungs-Beziehungen untersuchen und Schlussfolgerungen ziehen. Experimente erlauben es, Hypothesen zu testen und empirische Daten zu sammeln.
Messung: Naturwissenschaftler verwenden präzise Messungen, um quantitative Informationen zu erfassen. Durch die Anwendung von geeigneten Messinstrumenten und -techniken können sie Eigenschaften, Größenordnungen und Veränderungen in der physikalischen Welt quantifizieren. Messungen sind wichtig, um empirische Daten zu erzeugen und zu analysieren.
Mathematische Modellierung: Die Naturwissenschaften nutzen mathematische Modelle, um komplexe Phänomene zu beschreiben und zu analysieren. Durch die Verwendung von Gleichungen, Formeln und statistischen Methoden können Naturwissenschaftler Vorhersagen treffen, Zusammenhänge identifizieren und theoretische Konzepte entwickeln.
Induktion und Deduktion: Naturwissenschaftler wenden induktive und deduktive Denkweisen an. Induktion beinhaltet das Ziehen von allgemeinen Schlussfolgerungen aufgrund spezifischer Beobachtungen oder Experimente. Deduktion beinhaltet das Ableiten spezifischer Vorhersagen aus allgemeinen Prinzipien oder Theorien. Beide Denkweisen ergänzen sich und tragen zur Entwicklung und Ausdifferenzierung des wissenschaftlichen Wissens bei.
Peer-Review: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden einem strengen Peer-Review-Prozess unterzogen, bei dem Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet die Qualität, Richtigkeit und Methodik wissenschaftlicher Arbeiten überprüfen. Dieser Prozess gewährleistet die Qualität und Zuverlässigkeit der Forschungsergebnisse und ermöglicht den Austausch von Wissen und Ideen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Wissen ist somit nicht an Personen bzw. Autoritäten gebunden und muss sich ausnahmslos einer sozialen Kontrolle unterziehen; diese bezieht sich sowohl auf die Methodik, die Aussagekraft der Ergebnisse als auch die Einbindung in den bisherigen Stand von Wissen und theoretischer Einbettung.
Diese Methoden und Prinzipien bilden das Rückgrat der naturwissenschaftlichen Forschung und tragen dazu bei, systematisch und objektiv Erkenntnisse über die physikalische Welt zu gewinnen. Genauso aussagekräftig wie die Beschreibung dieser Erkenntniswege wäre die Perspektivumkehr: Wissenschaftliches Arbeiten schließt nämlich eine große Menge alternativer Quellen für Erkenntnisse aus – z.B. individuelle Erlebnisse, innere Erleuchtungen, historische Überlieferungen, heilige Texte, Prophezeiungen, Aussagen von selbsternannten Autoritäten, astrologische Deutungen, Weisheiten indigener Völker, usw.
Es bleibt also alles außen vor, was sich einer rationalen Analyse, einer Wiederhol- und Überprüfbarkeit (auch durch beliebige Dritte) und einer Kontrolle durch die wissenschaftliche Gemeinschaft entzieht.
Hiermit wäre sozusagen das Betriebssystem der Naturwissenschaft in Reinformat beschrieben. Natürlich geht es in der realen Welt nicht so zu wie in einem Lehrbuch. Auf inneren Widersprüche und auf Kritik bzw. Skepsis gegenüber den Erkenntniswegen des Systems „Wissenschaft“ kommen wir gleich noch ausführlich zu sprechen.
Grundannahmen
Die (natur)wissenschaftliche Sicht auf die Welt lässt sich nicht nur über ihre Methoden der Erkenntnisgewinnung definieren; auch bestimmte Grundannahmen spielen in den Naturwissenschaften eine bedeutsame Rolle. Am klarsten lassen sich solche Prinzipien im Bereich der Physik erläutern, die aufgrund ihrer Beschäftigung mit den grundlegenden Naturkonstanten sowie mit dem gesamten Spektrum zwischen subatomaren Teilchen und der Ausdehnung unseres Gesamtuniversums den Charakter einer Basis-Disziplin hat. Dazu kommt noch die starke Affinität zur Mathematik, die der Physik auch noch eine Art überzeugende Eleganz verleiht.
Rationalität und Logik
Das wissenschaftliche Denken und Arbeiten wäre wohl kaum vorstellbar ohne eine grundlegende Orientierung an dem, was wir üblicherweise die „Vernunft“ nennen. Das ist so selbstverständlich, dass man es leicht aus dem Auge verlieren könnte.
Während Intelligenz eher eine instrumentelle Fähigkeit zur Problemlösung beschreibt, werden mit einer rationalen und logischen, also vernunftbezogenen, Vorgehensweisen in der Regel weitergehende Eigenschaften verbunden: Hier geht es um das Erkennen von Zusammenhängen, um kritisches Hinterfragen, um eigenständige Schlussfolgerungen auf der Grundlage von Beweisen, die Bereitschaft zur Selbstkorrektur und auch um das Bilden von größeren Erklärungszusammenhängen.
Wenn man es umdreht, wird es noch klarer: Irrationalität und Wissenschaft sind natürliche Gegner; wer die Gesetze der Logik nicht akzeptiert, willkürliche Zusatzannahmen macht und mehr auf Autoritäten hört als auf empirische Daten, wird in der wissenschaftlichen Community wohl kaum einen Platz finden.
Materialismus
Ganz grundlegend ist das physikalische Weltbild ein materialistisches, da es bei der Untersuchung der fundamentalen Struktur und der Eigenschaften der Materie und der Energie im Universum davon ausgeht, dass die physische Welt durch reale Substanzen und natürliche Prozesse erklärbar ist. Phänomene außerhalb von (potentiell) beobachtbaren und messbaren Faktoren – also z.B. die Idee einer nicht an Materie gebundenen geistigen Kraft – haben in dieser Weltsicht keinen Platz.
Das hält die theoretische Grundlagenphysik aber keineswegs davon ab, ziemlich „abgedrehte“ Modelle (z.B. über unendlich viele „Multiversen“ oder „Strings“) zu entwickeln und in mathematische Formeln zu fassen, die sich kaum mehr mit Plausibilitäten des Alltagsverstandes vereinbaren lassen. Im Bereich der Quantenphysik gibt es sogar Sichtweisen, die das Konzept der Materie als Basis für den existierenden Kosmos ganz in Frage stellen.
Wie wir unten noch sehen werden, gibt es auch einen philosophischen Begriff von Materialismus, der nicht im vollem Umfang naturwissenschaftlich gefüllt werden kann. So gibt es durchaus einzelne Physiker, die im philosophischen Sinne nicht-materielle Aspekte der Realität für denkbar halten.
Besonders spannend wird dieser Punkt, wenn es um Konzepte wie Bewusstsein, Kultur, Ästhetik o.ä geht. Die Auseinandersetzung darüber, ob auch sprachliche und gedankliche Ideen Teil der materiellen Welt sind, wird uns bei den Menschenbildern noch beschäftigen.
Naturgesetze
Die größte Leistung der Physik liegt wohl darin, das scheinbar unendlich komplexe Geschehen in der uns umgebenden materiellen Welt in einigen wenigen – mathematisch darstellbaren – Gesetzmäßigkeiten erfasst zu haben. Diese Gesetze haben den Anspruch, das Verhalten und die Interaktion von (unbelebter) Materie – also von Galaxien, Planeten, Gegenständen, bis hin zu Atomen und Quanten – zu beschreiben und möglichst auch vorherzusagen.
Zu diesen Gesetzen gehören:
- Die Newtonschen Bewegungsgesetze, die die Grundlage der klassischen Mechanik bilden. Sie beschreiben die Bewegung von Objekten unter dem Einfluss von Kräften (u.a. der Gravitation).
- Die vier Maxwellsche Gleichungen beschreiben das Verhalten von elektrischen und magnetischen Feldern und bilden die Grundlage der klassischen Elektrodynamik (Elektrizität, Magnetismus und elektromagnetische Wellen – einschließlich Licht).
- Die beiden Hauptsätze der Thermodynamik, in denen es um Energieerhaltung und das Prinzip der Entropie geht.
Die moderne Physik des 20. Jahrhunderts hat mit Einsteins spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie, der Quantenmechanik und dem Standardmodell der Teilchenphysik die Erfassung der materiellen Welt weiter ausgebaut und verfeinert.
Der von vielen Wissenschaftlern (u.a. von dem weltberühmten Steven HAWKINS) herbeigesehnte große Wurf, die physikalische Weltformel, wurde allerdings noch nicht gefunden. Sie müsste eine Theorie sein, die die Phänomene der Quantenmechanik zusammen mit der allgemeinen Relativitätstheorie in einem konsistenten Rahmen erklären kann. Dazu gehören Phänomene wie die Quantengravitation, die Natur von Raum und Zeit, die Zusammenfassung der physikalischen Grundkräfte und auch die Erklärung für Dunkle Materie und Dunkle Energie. Theorien wie die Stringtheorie und die Schleifenquantengravitation sind Kandidaten für eine solche Theorie, aber bislang ist keine von ihnen vollständig bestätigt oder allgemein akzeptiert.
Minimalste Abweichungen in der ersten Materie-Wolke und/oder bei der Bildung der frühen geologischen Strukturen in den ersten Jahrtausenden nach dem Urknall haben höchstwahrscheinlich die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir jetzt, nach ca. 13,7 Milliarden Jahren, auf diesem winzigen Staubkorn im All leben und uns dieser Tatsache sogar bewusst sind.
In diesem Zusammenhang wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass ein Universum mit nur minimal abweichenden Naturkonstanten niemals die Möglichkeit für die Entwicklung von Leben (so wie wir es kennen oder vorstellen können) beinhaltet hätte. Manche Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass es vermutlich (unendlich?) viele Universen geben müsste, damit dann ein für uns „passendes“ dabei sein könnte (Theorie der Multiversen). Andere sehen darin eher einen Hinweis auf etwas Sinnhaftes und Zielgerichtetes (was dann schon an die Idee von einem bewussten Schöpfungsakt einer höheren Instanz erinnert). Diese Diskussion wird – von Philosophen und Physikern – unter dem Stichwort „anthropisches Prinzip“ geführt.
Mir erscheint das Wundern darüber, dass die Welt ganz genau solche Bedingungen vorhält, die unser Entstehen ermöglicht hat, ziemlich überflüssig und skurril: Wir sind halt da, weil es die Bedingungen gab – und wären nicht da, wenn sie anders wären. Wo genau liegt da das logische Problem?
Der Gedanke, dass die Ausgestaltung des Universums irgendwie mit unserem Dasein verknüpft sein könnte (im Sinne einer Zielsetzung), ist wohl so ziemlich die größtmöglich vorstellbare Selbstüberschätzung. Wenn man sich einmal für ein paar Minuten mit den Dimensionen unseres Kosmos befasst hat, verliert man sehr schnell die Idee, dass dies alles erschaffen wurde, damit es uns geben kann…
Universalismus
Die physikalische Weltsicht ist dadurch bestimmt, dass sie die Gültigkeit der Naturgesetze für das gesamte Universum postuliert. Sämtliche Modelle und Berechnungen der physikalischen Kosmologie gehen davon aus, dass die uns bekannten Naturkonstanten in jedem Zipfel der Milliarden von Galaxien genauso zu beobachten wären wie in unserem Sonnensystem.
Dieses Prinzip gehört wohl zu den am wenigsten umstrittenen Grundannahmen des physikalischen Weltbildes. Es ergibt sich schon rein logisch dadurch, dass dem uns bekannten Universum ja ein gemeinsamer Ausgangspunkt (der Urknall) zugesprochen wird; die von dieser Singularität ausgehenden Prozesse fanden dann in einer Umgebung statt, in der die gleichen Naturkonstanten wirken. Weil sich das bis heute nicht verändert hat, gelten unsere astronomischen Berechnungen – wie sich immer wieder bestätigen lässt – auch in weit entfernten Galaxien.
Das Prinzip der Universalität wird auch dadurch nicht in Frage gestellt, dass bestimmte Phänomene – wie „Schwarzen Löcher“ und „Dunkle Materie“ – noch nicht vollständig in theoretische Konzepte bzw. mathematischen Modelle integriert sind.
Reduktionismus vs. Emergenz
Eine der weitreichendsten und ernsthaftesten Auseinandersetzungen innerhalb der Physik-Community betrifft die Frage, ob – salopp gesagt – die kleinen Dinge auch die großen Zusammenhänge erklären. Macht es also Sinn, mit allen denkbaren technischen und geistigen Möglichkeiten die Gesetzmäßigkeiten der Elemente und Kräfte auf atomarer und subatomarer Ebene zu entschlüsseln, weil darin letztlich die Antworten auf alle Fragen stecken, die uns die Materie unseres Universums stellen kann?
Man nennt diese Tendenz, physikalische Probleme durch die Untersuchung immer kleinerer Teilchen zu lösen „Reduktionismus“. Die Idee ist nicht unlogisch: Da ja nun mal alle Materie – vom Molekül bis zum Gesamtuniversum – aus einer begrenzten Anzahl von Elementarteilchen zusammengesetzt ist und im Rahmen von einer – wiederum sehr begrenzten – Anzahl von Kräften gesetzmäßig miteinander interagieren, müssten im Prinzip alle Fragen geklärt und alle Phänomene (im Prinzip) berechenbar sein. In wie viele Einzelteile eine nach dem Start in 2000 m Höhe explodierende Weltraumrakete zerfällt, in welchem Radius ihre Trümmerteile auf dem Ozean verteilt sind, wie schnell sie auf den Meeresboden sinken und wie tief sie darin eindringen – all das passiert im Rahmen der uns (den Physikern) bekannten Gesetze, die mit Hilfe des reduktionistischen Ansatzes gefunden wurden.
Das gilt übrigens völlig unabhängig davon, dass die Zahl der in diesem Beispiel wirkenden Faktoren und Kräfte so astronomisch hoch wäre, dass auf der faktischen Ebene jede genauere Berechnung scheitern müsste.
Woher kommen nun die Zweifel an den Weisheiten des Reduktionismus?
Die Vertreter des Konzeptes der „Emergenz“ weisen darauf hin, dass größere und komplexere Systeme Eigenschaften haben können, die sich nicht aus denen ihrer Einzelteile ableiten bzw. erklären lassen. Die Kurzfassung dieses Gedankens ist uns allen vertraut: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Emergenz-Befürworter führen ins Feld, dass komplexe Systeme (wie das Gehirn oder das weltweite Klimasystem) „höhere“ Organisationsprinzipien haben, die sich auf „tieferen“ Ebenen nicht finden, erklären und vorhersagen lassen. Phänomene dieser Art werden z.B. mit der „Komplexitätstheorie“ oder mit dem Ansatz der „Nichtlinearen Dynamik“ beschrieben. Auch das banale Phänomen der Nässe wird als Beispiel dafür angeführt, dass Eigenschaften sich erst in größeren Dimensionen (also nicht im einzelnen Molekül) zeigen. Selbst mögliche Verbindungen zwischen Emergenz und den Besonderheiten der Quantenmechanik werden diskutiert…
Es gibt aber auch Warnungen davor, dieses Prinzip überzustrapazieren: So würde es beispielsweise zu weit gehen, den emergenten Zuständen „höherer Ordnung“ irgendwelche mystischen Kräften zuzusprechen, die sich nicht mit den innewohnenden Eigenschaften der beteiligten Einzelelemente vereinbaren ließen: Emergenz setzt die Teilchenphysik nicht außer Kraft; sie fügt eine – z.B. durch die Strukturen und die Dynamiken eines Systems gebildete – weitere Ebene hinzu.
Übrigens: Die Tatsache, dass ein Kuchenteig sich anders verhält als die nebeneinander aufgereihten Zutaten ist nun wirklich kein Beweis für das Emergenzprinzip: Alle durch die Zusammenmischung in Gang gebrachten Vorgänge sind aus den physikalischen Materialien und den bekannten chemischen Gesetzmäßigkeiten ihrer Interaktion lückenlos abzuleiten. Und dass eine Melodie bei uns andere Empfindungen Dinge auslöst als die zufällige Darbietung der benutzen Noten ist eine Sache der Wahrnehmungspsychologie und nicht der Emergenz.
Warum könnte diese Detailfrage für die weitere Diskussion in diesem Buch überhaupt von Interesse sein?
Nun – wie schon angedeutet – ist auch das menschliche Gehirn ein extrem komplexes System (noch haben wir in unserem Universum keinen vergleichbaren Komplexitätsgrad gefunden). Wenn Emergenz in solchen Systemen eine bedeutsame Rolle spielt, könnte das für die Erklärung von Denk- und Entscheidungsprozessen relevant sein: Vielleicht ist ja sogar die vieldiskutierte Willensfreiheit des Menschen so ein Emergenz-Phänomen.
Genau das schauen wir uns unten bei den Menschenbildern nochmal an.
Kritik und Widerstände
Obwohl der geradezu überwältigende Beitrag der Wissenschaft zu unseren Erkenntnisfortschritten und den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne (z.B. in der Medizin) für alle unübersehbar sein müsste, ist dieser Zugang zur Welterklärung keineswegs unumstritten.
Solche – mehr oder weniger grundsätzliche Kritik – stammt aus mehreren Quellen, die im Folgenden dargestellt werden sollen; gewisse Überschneidungen sind dabei nicht zu vermeiden.
Gescheiterter Wahrheitsanspruch
Ein häufig geäußerter Vorwurf an die Wissenschaft verweist darauf, dass sich im Laufe der Zeit immer wieder vorher als „richtig“ dargestellte Erkenntnisse nachträglich als „falsch“ erwiesen hätten. Aus dieser Erfahrung sei geradezu logisch abzuleiten, dass das auch für aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse oder Theorien gelten könnte. Zusätzlich wird gerne darauf verwiesen, dass sich Wissenschaftler oft nicht einig seien und somit von der Wissenschaft keine widerspruchsfreie „Wahrheit“ angeboten würde. Das scheinen auf den ersten Blick durchaus bedeutsame Argumente zu sein.
Allerdings liegt dieser Kritik ein sehr verkürztes Verständnis der wissenschaftlichen Erkenntniswege zugrunde. Wissenschaft erhebt nämlich gar keinen Anspruch auf Wahrheit (erst recht nicht auf absolute oder endgültige). Vielmehr ist der (natur)wissenschaftliche Weg der Welterkennung und Welterklärung gerade dadurch definiert, dass es keine „letzten“ Wahrheiten gibt, sondern nur eine schrittweise Annäherung. Das Besondere liegt dabei genau in der einbauten Selbstkorrektur: Wann immer auf der Basis der anerkannten empirischen Forschungsmethoden neue Befunde eingebracht werden und einer Prüfung der wissenschaftlichen Community standhalten, werden bisherige Sichtweise revidiert und Theorien angepasst. Das mag zwar wegen gewisser Widerstände oder Trägheiten im System im Einzelfall eine gewisse Zeit dauern, ist aber auf Dauer nicht aufzuhalten.
Auch der Streit zwischen Wissenschaftlern über methodische Fragen oder die stichhaltigere Theorie ist keineswegs ein Zeichen für Schwäche, sondern für das dynamische Ringen um die beste Annäherung an die Realität.
Nicht übersehen sollte allerdings auch, dass es inzwischen einen doch sehr gefestigten Bestand an stabilen wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt, deren Gültigkeit jeden Tag milliardenfach von uns allen getestet und bestätigt werden.
Emotionale Kälte
Viele Menschen sehen im System der Wissenschaft eine kalte, technokratische und geradezu menschenfeindliche Grundhaltung, die mit ihrer „Einseitigkeit“ den emotionalen Erlebens- und Erfahrungsaspekten bzw. den spontan-intuitiven Bedürfnissen des Menschen zu wenig Rechnung trage. Die Hinweise auf ausgeklügelte experimentelle Kontrollsysteme und aufwendige statistische Analysen werden von diesen Kritikern eher mit Miss- oder Verachtung gestraft und mit persönlichen Erfahrungen oder abweichenden Einzelmeinungen beantwortet. Irgendwie erscheint Ihnen die ganze Richtung suspekt.
In dieser Sichtweise findet sich m.E. eine Vermischung der beiden Aspekte WELTERKLÄRUNG und WELTZUGANG. Natürlich schließt eine wissenschaftliche Weltsicht nicht aus, dass Menschen sich auch auf anderen Ebenen als der rational-logischen von der Welt berühren lassen. Wir sind vielschichtige Wesen, tragen ein komplexes System an Emotionen und Intuitionen in uns und finden seit je her jede Menge Möglichkeiten, diese auch – z.B. künstlerisch – auszudrücken. Das ändert aber eben nichts daran, dass diese alternativen Weltzugänge nicht besonders viel zu einer Erklärung von realen Phänomenen beitragen können (s.u.). Das Umgekehrte ist richtig: Die wissenschaftliche Erforschung der emotionalen und intuitiven Seite unseres Erlebens macht riesige Fortschritte. Man mag das als endgültige „Entzauberung“ betrachten – darin findet sich aber eben auch eine Bestätigung dafür, dass wir ganz sicher nicht rein-rationale Geschöpfe sind. Warum sollte man das nicht mir wissenschaftlichen Methoden erforschen?
Entfremdung von der Natur
Angelehnt an das gerade besprochene Argument wird der wissenschaftlichen Welterforschung oft vorgeworfen, sie habe den Menschen von seiner ursprünglichen Einbettung in die natürlichen Kreisläufe des Lebens entfremdet. An die Stelle einer intuitiven Wahrnehmung des Eingebundenseins und der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Mitgeschöpfe sei eine distanzierte und funktionale Haltung zur Natur getreten, in der deren Vielfalt und Komplexität immer stärker auf eine Ausbeutungsbeziehung reduziert worden sei. Statt sich von den „Wundern der Schöpfung“ bezaubern zu lassen, habe die Wissenschaft mit ihren rationalen und zweckorientierten Instrumenten die nüchterne Analyse und die Verwertbarkeit für menschliche Zwecke in den Vordergrund gestellt. Statt uns als ein Teil der Natur zu betrachten, hätte wir uns neben bzw. über sie gestellt.
Das Ergebnis sei eine in Spezialdisziplinen aufgesplittete Wissenschaftslandschaft, in der das Gefühl für die großen Zusammenhänge verlorengegangen sei.
Auch hinsichtlich dieser Argumentation stellt sich die Frage, ob die beschriebenen Tendenzen wirklich spezifisch für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess waren. Wissenschaft ist zunächst einmal eine Erkenntnismethode und birgt in sich keine Versicherung gegen ihren Missbrauch für negative Ziele. Natürlich ist die Art, wie Wissenschaft mit welchen Zielsetzungen betrieben wird, vom jeweiligen Zeitgeist, also von den historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig. In einer Zeit, in der Natur als beliebig und unbegrenzt ausbeutbare Ressource betrachtet wurde, hat sich auch die Wissenschaft weitgehend dieser Perspektive angeschlossen.
Aber es gab auch Gegenbeispiele. So hat Alexander von Humboldt bei seinen berühmten wissenschaftlichen Expeditionen schon am Ende des 18. Jahrhunderts ein weitreichendes Verständnis vom Zusammenspiel komplexer natürlicher Systeme und ihrer Gefährdung durch menschliche Eingriffe unter Beweis gestellt. Extrem bedeutsam für uns ist jedoch, dass es seit einigen Jahrzehnten an erster Stelle die Naturwissenschaften sind, die uns die Bedeutung und die Gefährdung des komplexen Zusammenspiels natürlicher Systeme (z.B. beim Klima und beim Artensterben) eindrücklich vor Augen führen. In diesem Sinne hat die Natur inzwischen in der modernen Wissenschaft eines ihrer stärksten Unterstützer.
Die faszinierend vielschichte Durchdringung und Vernetzung aller physikalisch-geologischen, klimatischen und biologischen Systeme dieses Planeten wäre ohne die Fortschritte in den Naturwissenschaften nicht ansatzweise erkennbar und begreifbar; genauso wenig wie die existentielle Verbundenheit unseres biologischen Seins mit den natürlichen Lebensgrundlagen. Daraus die richtigen und notwendigen Schritte abzuleiten, kann nicht allein Aufgabe der Wissenschaft sein.
Negative Folgen für Mensch und Umwelt
Eng mit dem letzten Kritikpunkt verbunden wird oft geäußerte Vorwurf erhoben, dass uns die wissenschaftlich-technologische Revolution der letzten Jahrhunderte eine geradezu endlose Zahl von Problemen und Nachteilen eingebrockt habe. Man denke nur an den katastrophalen Raubbau an der belebten und unbelebten Umwelt, an den grotesken Selbstzerstörungs-Overkill der Atomwaffen und an den Wahnsinn des globalen Hyperkonsum-Kapitalismus. Dazu käme aktuell noch die Bedrohung durch eine explosionsartige Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI), deren destruktives Potential unübersehbar sei. Insgesamt habe die naturwissenschaftliche Logik der analytischen Welterklärung zu einer Sucht nach technokratischer Weltbeherrschung geführt, die unseren Planeten an die Grenze der Apokalypse getrieben habe.
Wow! Da muss man schon mal kurz Luft holen, denn diese Argumentationslinie hat einiges Gewicht.
Ein erster Impuls der Entgegnung könnte sein, auf all die segensreichen zivilisatorischen Errungenschaften hinzuweisen, die unser Leben (in den reichen Ländern der Welt) so unglaublich angenehm, sicher und interessant machen. Gerne wird in diesem Zusammenhang auf die Fortschritte in der Medizin hingewiesen (wer will schon bei einem Eingriff auf bildgebende Diagnostik und moderne Betäubungsmittel verzichten?). Man könnte auch über die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion sprechen oder den Zugang zu praktisch grenzenlosen Informationen. Diese Diskussion liefe also auf eine Gewichtung von zwei Waagschalen hinaus (die wohl jede/r etwas anders beladen würde).
Etwas allgemeiner könnte man darüber streiten, ob denn tatsächlich der Versuch, den Geheimnissen der Natur und des Universums auf die Spur zu kommen, für alle entstandenen negativen Folgen verantwortlich gemacht werden kann. Ist schon die Grundlagenforschung zur Entschlüsselung der atomaren Kräfte ein Sündenfall – oder erst die direkte Beteiligung an der Entwicklung der Atom- bzw. Wasserstoffbombe? Oder wäre auch das noch legitim, solange es der Verteidigung der „freien“ Welt gegen ein diktatorisches Monster (wie Hitler) dient?
Etwas weniger dramatisiert heißt die Frage wohl: Muss man nicht doch trennen zwischen dem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang (und seinen Methoden) und der – letztlich politisch gesteuerten – Anwendung von Technologien? Ist nicht jedes Werkzeug, jede Erfindung potentiell zu missbrauchen? Wie weit wollen wir (gedanklich) zurückgehen, um den Forschergeist zu stoppen? Bis zur Beherrschung des Feuers oder zur Erfindung des Rads? Oder war erst die Dampfmaschine böse? Wie wollen wir das tun – wenn es nicht einmal die (damals) fast allmächtige Katholische Kirche die Renaissance und die Aufklärung verhindern konnte?
Aber die bisherige Argumentation greift noch immer zu kurz.
Selbst, wenn wir zugestehen würden, dass die angewandten Naturwissenschaften tatsächlich die Verantwortung für die desolaten Zustände auf unserem Planeten tragen – was würde das bedeuten? Gäbe es einen anderen Weg zur Lösung der entstandenen globalen Herausforderungen als die konsequente Anwendung all unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse und aller unserer technologischen Potentiale?
Tatsächlich stehen wir inzwischen an einem Punkt, an dem selbst ein – völlig unrealistischer – Kurswechsel nicht mehr ausreichen würde: Wir brauchen tatsächlich mehr Wissenschaft, um die notwendige Transformation von Wirtschaft und Alltag in der gebotenen Eile hinzubekommen. Aber natürlich brauchen wir genauso dringend eine grundlegende Veränderung unserer gesellschaftlichen und persönlichen Prioritäten (dazu an anderer Stelle mehr).
Ideologische Einwände
Ein anderer Grund für das Ablehnen einer rationalen Diskussion auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Erkenntnissuche sind dominante persönliche Überzeugungen, Haltungen, Dogmen oder Ideologien. Sind diese nur stark genug ausgeprägt, definieren und begrenzen sie das, was akzeptabel, möglich oder wahr sein kann bzw. darf.
Wenn man z.B. davon überzeugt ist, dass die Bibel ein Text ist, der Wort für Wort die allzeit gültige Botschaft Gottes enthält, muss man bei der Frage nach der Entstehungsgeschichte unseres Planeten ziemlich bald aus einem faktenbasierten Diskurs aussteigen. Dann muss man den Ergebnissen von radiometrischen und paleomagnetischen Messungen ihre Gültigkeit bzw. Bedeutung absprechen.
Hält man jede Form von Beteiligung an unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem für eine Art Todsünde, kann man natürlich auch das Wissenschaftssystem auf dieser Grundlage in Bausch und Bogen ablehnen.
Aber es gibt auch ganz aktuelle, sogar als fortschrittlich geltende Tendenzen, wissenschaftliche Erkenntnisse aus weltanschaulichen Gründen zu relativieren. So stellen einige Transgender-Aktivistinnen die Existenz zweier Geschlechter inzwischen nicht nur in Bezug auf die Unbestimmtheit und Veränderlichkeit von subjektiv erlebten Geschlechts-Identitäten in Frage, sondern halten auch die biologische Zweigeschlechtlichkeit selbst für ein (überholtes) gesellschaftliches Konstrukt.
Besonders in den USA ist andererseits zu beobachten, dass die Ablehnung und Verächtlichmachung der Wissenschaft inzwischen zu den Grundhaltungen eines rechts-konservativen Milieus gehört. Sie sehen in der intellektuell begründeten Weiterentwicklung von Weltverstehen einen Angriff auf ihre traditionellen Werte und reagieren darauf mit einer rein emotionalen kulturkämpferischen Abwehr.
Interessanter Weise treffen sich also Wissenschaftsgegner auf beiden Seiten des politischen Spektrums – einig in dem Empfinden, dass ihre jeweiligen Überzeugungen mehr Gewicht haben (und behalten sollten) als die überprüfbaren Ergebnisse von empirischer Forschung.
Da die entsprechenden Inhalte weiter unten bei der Diskussion alternativer Weltbilder noch ausführlich zur Sprache kommen, gibt es hier keine Entgegnung auf diese Sichtweisen.
Westliche Kultur-Dominanz
Dem rational-wissenschaftlichen Weltverständnis wird gelegentlich vorgehalten, dass es letztlich die Fortsetzung einer imperialistischen und kolonialistischen Umgangsweise mit anderen, z.B. asiatischen oder indigenen Kulturen darstelle. Es drücke eine ungerechtfertigte und einseitige Überhöhung eines Weltbildes aus, das sich dem analytisch-technokratischen Zugang zur Welt und zur Natur verschrieben habe und die „Weisheiten“ aus anderen kulturellen Quellen systematisch und überheblich abwerte und übergehe.
Auch hierzu wird im nächsten Kapitel ausführlich im Zusammenhang mit alternativen Weltbildern Stellung genommen. An dieser Stelle sei noch einmal darauf verwiesen, dass in diesem Text zwischen den Aspekten WELTERKLÄRUNG und WELTZUGANG unterschieden wird. Es wäre tatsächlich arrogant und dumm, die Bedeutung von alternativen (nicht-rationalen) Aspekten von Welterfassung zu leugnen.
Auf der anderen Seite gibt es bei genauer Betrachtung tatsächlich keine „westliche“ oder „östliche“ oder sonst wie „kulturspezifische“ Wissenschaft, denn ihre Methoden und ihre Theoriebildung sind vom Prinzip her kulturell neutral (was natürlich nicht ausschließt, dass es in der gelebten Praxis zu Ungleichgewichten gekommen ist). Es sei auch daran erinnert, dass es in früheren geschichtlichen Phasen durchaus eine erste Blütephase wissenschaftlichen Denkens im asiatischen Raum gab. Es würde darüber hinaus wohl keine frühere Unterdrückung oder aktuelle Ausbeutung anderer Völker lindern, wenn man alle kulturellen oder zivilisatorischen Entwicklungen nur deshalb abwerten würde, weil sie aus einem Teil der Welt kommen, die eine kolonialistische oder rassische Vergangenheit haben.
Dem Vorwurf der Kultur-Dominanz könnte man aus einer ganz anderen Perspektive sogar mit einigem Selbstbewusstsein antworten: Es sind gerade die methodischen Regeln, die Kriterien der unabhängigen Überprüfbarkeit und die Kontrolle durch die wissenschaftliche Community, die diesem System einen kulturübergreifenden Charakter geben.
Überforderung des „Durchschnittsmenschen“
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf eine Skepsis ganz anderer Art.
Gelegentlich wird darauf hingewiesen, dass diese rational-empirische Perspektive der Wissenschaft zwar extrem nützlich und erfolgreich sei, sie aber einen grundlegend „elitären“ Charakter habe: Sie sei letztlich nur für einen eher kleinen Teil der (akademisch) gebildeten Bevölkerung wirklich nachvollziehbar und zugänglich und schließe in gewisser Weise die anderen Gruppen aus. Wer die methodischen Grundprinzipien nicht erfassen, die Systematik von experimentellen Versuchsszenarien nicht nachvollziehen und theoretischen Schlussfolgerungen nicht folgen könne, bleibe sozusagen abgehängt am Wegesrand stehen. Aus so einer Perspektive sei dann die – ach so demokratische verfasste Wissenschaft – ein undurchschaubarer Moloch. Diesem begegnet man dann vielleicht mit dem gleichen Misstrauen wie den wirtschaftlichen und politischen Eliten („die machen ja doch, was sie wollen und was ihnen selber nützt“).
Wie ernst muss man eine solche Argumentation nehmen?
Man könnte es sich leicht machen und darauf verweisen, dass man ja schlecht die Art und Komplexität der Welterforschung nach der kognitiven Auffassungsgabe des Durchschnittsbürgers ausrichten kann. Schließlich will dieser Durchschnittsbürger seine Fußball-Liveübertragungen aus anderen Kontinenten genauso wie seine Handy-Navigation – ohne den Anspruch zu haben, die mehr als komplexen Wirkmechanismen zu begreifen.
Trotzdem erscheint es sinnvoll, ein möglichst umfassendes Basiswissen über wissenschaftliches Denken und Forschen auch in die Breite der Gesellschaft zu transportieren. Wie sich in zahlreichen Initiativen gezeigt hat, lassen sich schon Vor- und Grundschulkinder für ein experimentelles Erkunden ihrer Umwelt begeistern. Um die Wissenschaftsbegeisterung von jungen und junggebliebenen Erwachsene hat sich in den letzten Jahren insbesondere die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi NGUYEN-KIM verdient gemacht; für den noch weiteren Mainstream ist seit vielen Jahren Harald LESCH zuständig.
Konsequenzen und Bewertung
Ich kann mich an dieser Stelle kurz fassen:
Die wissenschaftliche-rationale Sicht von der Welt und die entsprechenden Methoden der Erkenntnisgewinnung sind extrem erfolgreiche Modelle, deren Ergebnisse das Alltagsleben für einen großen Teil der Menschheit prägen. Die große Mehrheit dieser Menschen würde wohl nur höchst ungern auf die damit verbundenen Errungenschaften verzichten.
Es soll hier aber keine naive Heiligsprechung des Wissenschafts-Systems erfolgen:
Wissenschaft wird von Menschen gemacht; Wissenschaft findet in gesellschaftlichen Kontexten statt und ist entsprechenden Abhängigkeiten und Einflussnahmen ausgesetzt. Wissenschaft kann missbraucht werden – sie wurde und wird missbraucht. Wissenschaft kann sogar irren, sie hat (natürlicherweise) oft geirrt. Aber es ist ein einzigartiges, sich selbst korrigierendes und sich permanent weiterentwickelndes System, das uns inzwischen der Entschlüsselung der Weltgeheimnisse schon erstaunlich nahegebracht hat.
Zum Weiterdenken
Welche Rolle spielt wissenschaftliches Denken und empirisches Wissen in Ihrem Alltag oder Beruf? Löst der Begriff „Wissenschaft“ eher positive oder negative Assoziationen in Ihnen aus? Würden Sie die Wissenschaft gegen Anfeindungen und Skeptizismus verteidigen – oder wären Sie eher im Kreise der Kritiker?
Mit welcher Wissenschaftsdisziplin sind Sie am ehesten verbunden – welche Bereiche liegen Ihnen besonders fern?
Hat ein Balken in dem Eingangstest Ihre Haltung genau getroffen? Würde dies bei einer Testwiederholung wieder genauso ausfallen?
Vorläufer-Themen
Wie weit reichen die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen? Was können wir erforschen und was wird uns für immer verborgen bleiben?
Welche grundlegenden Vorstellungen gibt es von unserer Welt und unserem Universum? Wo kommt alles her und wie hängt alles zusammen?
Nachfolge-Themen (Auswahl)
Was macht den Wesenskern des Menschen aus? Was macht ihn zum Menschen? Welche Stellung hat er im Universum?
Zu welchen Schlussfolgerungen hinsichtlich der modernen wissenschaftlichen Erklärung der Welt kann man kommen?
Relevante Buchbesprechungen
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Fast zwei Stunden Show für ca. 2000 Jahre Wissenschaftsgeschichte. Der Schwerpunkt liegt bei der Astronomie und der Physik. Nett gemacht, wenn man intelligente Unterhaltung sucht.
Claus BEISBART
Ein abgewogenes, unaufgeregtes Gespräch mit einem Wissenschafts-Philosophen über Wissenschaft, ihre Methoden und Grenzen.
SCOBEL über Wissenschaftstheorie
Es geht um das Falsifikationsprinzip von Karl POPPER, also darum, wie man die Gültigkeit von wissenschaftlichen Theorien überprüfen kann.
GLOSSAR
Eine kurze Erklärung der wichtigsten Begriffe
- Welterklären (innerhalb eines rational-empirischen Blicks): Das systematische Verstehen der Welt durch wissenschaftliche Methoden, die auf Vernunft und Erfahrung basieren. In diesem Projekt: Der erste große Themenbereich, der die Basis für das WELTGESTALTEN schafft.
- Rational-empirischer Blick: Eine Herangehensweise an die Welt, die Vernunft (Rationalität) und systematische Erfahrung (Empirie) als Grundlage der Erkenntnis nutzt.
- Aristoteles: Ein griechischer Philosoph, der als einer der Begründer des wissenschaftlichen Denkens gilt und die Bedeutung von Beobachtung und Logik betonte.
- Experiment: Eine gezielte Untersuchung, bei der Variablen manipuliert und kontrolliert werden, um Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu ermitteln.
- Mathematische Modellierung: Die Beschreibung und Analyse komplexer Phänomene mithilfe mathematischer Gleichungen, Formeln und Methoden.
- Induktion: Das Ziehen allgemeiner Schlussfolgerungen aus spezifischen Beobachtungen oder Experimenten.
- Deduktion: Das Ableiten spezifischer Vorhersagen aus allgemeinen Prinzipien oder Theorien.
- Peer-Review: Ein Prozess, bei dem Experten auf einem Fachgebiet die Qualität, Richtigkeit und Methodik wissenschaftlicher Arbeiten überprüfen.
- Rationale Analyse: Die Untersuchung von Informationen auf der Grundlage von Logik und Vernunft.
- Wiederhol- und Überprüfbarkeit: Die Möglichkeit, wissenschaftliche Ergebnisse durch andere Wissenschaftler unter den gleichen Bedingungen zu replizieren und zu überprüfen.
- Grundannahmen (der Naturwissenschaften): Grundlegende Prinzipien oder Überzeugungen, die das Fundament der naturwissenschaftlichen Forschung bilden, wie Rationalität, Materialismus und Universalismus.
- Materialismus (physikalisches Weltbild): Die Annahme, dass die physische Welt durch reale Substanzen (Materie) und natürliche Prozesse erklärbar ist.
- Newtonsche Bewegungsgesetze: Grundlegende Gesetze der klassischen Mechanik, die die Bewegung von Objekten unter dem Einfluss von Kräften beschreiben.
- Maxwellsche Gleichungen: Gleichungen, die das Verhalten von elektrischen und magnetischen Feldern beschreiben und die Grundlage der klassischen Elektrodynamik bilden.
- Hauptsätze der Thermodynamik: Gesetze, die sich mit Energieerhaltung und Entropie befassen.
- Relativitätstheorie (spezielle und allgemeine): Theorien von Albert Einstein, die das Verständnis von Raum, Zeit, Gravitation und Bewegung revolutioniert haben.
- Quantenmechanik: Eine Theorie, die das Verhalten von Materie und Energie auf atomarer und subatomarer Ebene beschreibt.
- Standardmodell der Teilchenphysik: Ein theoretischer Rahmen, der die bekannten Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beschreibt.
- Physikalische Weltformel: Eine hypothetische Theorie, die alle fundamentalen Kräfte und Teilchen in einem konsistenten Rahmen vereinen könnte.
- Anthropisches Prinzip: Die Idee, dass die Eigenschaften des Universums für die Entwicklung von Leben günstig zu sein scheinen, was zu Interpretationen wie der Multiversum-Theorie oder der Idee eines zielgerichteten Schöpfungsaktes führt.
- Universalismus (Physik): Das Prinzip, dass die Naturgesetze und -konstanten im gesamten Universum universell gültig sind.
- Reduktionismus: Die Tendenz, komplexe Phänomene durch die Untersuchung ihrer Einzelteile und grundlegenden Komponenten zu erklären.
- Emergenz: Die Idee, dass größere und komplexere Systeme Eigenschaften haben können, die sich nicht aus denen ihrer Einzelteile ableiten oder erklären lassen („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“).
- Komplexitätstheorie: Ein wissenschaftlicher Ansatz, der sich mit der Untersuchung komplexer Systeme befasst, die emergente Eigenschaften aufweisen können.
- Nichtlineare Dynamik: Ein Bereich der Mathematik und Physik, der sich mit Systemen befasst, bei denen kleine Veränderungen in den Anfangsbedingungen große Auswirkungen auf das Ergebnis haben können (oft im Zusammenhang mit Emergenz).
- Wahrheitsanspruch (der Wissenschaft): Die Frage, ob die Wissenschaft einen Anspruch auf absolute oder endgültige Wahrheit erhebt (der Text argumentiert, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass es um Annäherung geht).
- Selbstkorrektur (der Wissenschaft): Der eingebaute Mechanismus in der Wissenschaft, der es ermöglicht, bisherige Erkenntnisse zu revidieren und Theorien anzupassen, wenn neue empirische Daten vorliegen.
- Welterklärung vs. Weltzugang: Die Unterscheidung zwischen dem wissenschaftlichen Bestreben, die Welt rational zu verstehen, und anderen Formen des Erlebens und der Interaktion mit der Welt (z.B. emotional, intuitiv, künstlerisch).
- Ideologische Einwände: Die Ablehnung oder Relativierung wissenschaftlicher Erkenntnisse aufgrund dominanter persönlicher Überzeugungen, Haltungen, Dogmen oder Ideologien.
- Westliche Kultur-Dominanz: Der Vorwurf, dass das rational-wissenschaftliche Weltverständnis eine Fortsetzung kolonialistischer und imperialistischer Praktiken darstellt und „Weisheiten“ aus anderen Kulturen abwertet.
Alles erfasst?
Vielleicht haben Sie Lust zu überprüfen, ob Ihnen die wichtigsten Gedankengänge des Textes noch präsent sind. Zur Kontrolle können Sie die Ihre Antworten auf die folgenden Fragen überprüfen.
- Was sind die wichtigsten Erkenntniswege in den modernen Naturwissenschaften, die im Text genannt werden?
- Welche Rolle spielt die Beobachtung in der wissenschaftlichen Forschung?
- Wie unterscheiden sich Experimente von Beobachtungen als Erkenntnisweg?
- Was bedeutet mathematische Modellierung in den Naturwissenschaften?
- Erklären Sie den Unterschied zwischen Induktion und Deduktion im wissenschaftlichen Kontext.
- Warum ist der Peer-Review-Prozess in der Wissenschaft wichtig?
- Welche Grundannahmen der Naturwissenschaften werden im Text diskutiert?
- Was versteht man unter Materialismus im Kontext des physikalischen Weltbildes?
- Nennen Sie zwei Beispiele für Naturgesetze, die in der Physik grundlegend sind.
- Was ist das Prinzip des Universalismus in der Physik?
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