Der Rote Faden
Wir sind mit dem Thema „Reichtum“ bei den gesellschaftlichen Fragen, deren Lösung von den Erkenntnissen abhängen könnte, die im Teil „Welterklärung“ dargestellt werden.
Einen starken inhaltlichen Bezug gibt es dort mit den Themen „Willensfreiheit“ und „Ichwerdung“, allgemeiner auch mit dem Grundsatzthema „Menschenbilder“. Denn natürlich hängen unsere Vorstellungen über die gerechte Verteilung von Reichtum mit den Überzeugungen zusammen, wie Menschen zu den Attributen kommen, die sie reich werden lassen.
Ähnliche Anwendungsfragen sind: Ungleichheit und Gerechtigkeit.
Wo es bei der Gerechtigkeit ganz allgemein um die angemessene Verteilung von gesellschaftlichem Ressourcen geht, markiert die Frage der Gleichheit bzw. Ungleichheit den grundsätzlichen Umgang mit Unterschieden zwischen Menschen. Zwischen den drei Aspekten gibt es große Überschneidungen, die auch in den Texten spürbar werden.
Ein (extremer) Reichtum kann auch dann als Problem empfunden werden, wenn man grundsätzlich damit einverstanden ist, dass sich angeborene Fähigkeiten oder besondere Leistungen in materiellen Vorteilen niederschlagen.
Dann stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Belohnungen:
Kann es wirklich angemessen sein, dass eine bestimmte Geschäftsidee, ein bestimmter Arbeitseinsatz, eine kognitive, künstlerische oder sportliche Begabung oder das Hineingeborenwerden in eine bestimmte Familie den Wohlstand eines Normalbürgers um das Hundertfache, das Tausendfache oder das Zehntausendfache übersteigt?
(Zur Orientierung: Das durchschnittliche Nettovermögen eines Deutschen betrug im Jahre 2017 ca. 100.000 €. Ein Milliardär besitzt also das Zehntausendfache dieses Betrags).
Dass auch grenzenloser Reichtum (es gibt ja sogar Multi-Milliardäre) ein vertretbarer oder sogar notwendiger Bestandteil unseres Wirtschaftssystems darstellen müsste, stellt eine gewagte Behauptung dar. Ist es wirklich plausibel anzunehmen, dass z.B. die Visionen und Aktivitäten eines genialen Tech-Unternehmers schlagartig versiegen würden, wenn es eine persönliche „Reichtums-Grenze“ z.B. bei 100 Millionen Dollar oder Euro gäbe? Würden Künstler ihr Schaffen einstellen, wenn sie ab einem bestimmten Level nur noch einen kleinen Teil ihrer Erlöse behalten dürften? Würden Manager zu denken aufhören, wenn Sie nicht mehr als das Hundertfache eines normalen Angestellten verdienen könnten?
Unsere Idee von Reichtums ist noch stark von Bildern geprägt, in denen die großen Vermögen durch geniale Ideen, große Risikobereitschaft oder jahrzehntelangen disziplinierten Einsatz geschaffen wurden. In der Realität leben wir längst in einem Finanzkapitalismus, in dem riesige Vermögenswerte durch verschiedenste Finanztransaktionen geschaffen und vermehrt werden. Dabei ist der traditionelle Aktienhandel nur noch ein Teilbereich – neben all den Devisen-, Immobilien- und Rohstoffspekulationen.
Darüber hinaus leben wir auch immer stärker im Zeitalter des vererbten Reichtums. Mehr als die Hälfte aller Vermögen in Deutschland wurde nicht selbst erwirtschaftet, sondern geerbt oder geschenkt (in den 70iger Jahren war der Anteil nur halb so groß).
Insgesamt ist so der Zusammenhang zwischen einer plausibel nachvollziehbaren Leistung und dem materiellen Output weiter verloren gegangen. Die in diesem Zusammenhang von den Vertretern der Wirtschaft, der FDP und den konservativen Parteien ins Feld geführten fleißigen Handwerksmeister oder Inhaber mittelständiger Betriebe dienen letztlich der ideologische Ablenkung. Diese Menschen sind bei der Diskussion über die Grenzen des Reichtums sicher nicht gemeint; das wissen die Beteiligten auch.
Doch was ist mit denen, die es vermeintlich doch „aus eigener Kraft“ nach ganz oben geschafft haben?
Wenn wir uns die Erkenntnisse vergegenwärtigen, auf Grund welcher – von ihnen nicht kontrollierbaren – Einflüsse Menschen zu bestimmten Fähigkeiten und Ressourcen kommen; wenn wir uns vor Augen führen, welche Rolle das chaotische Zusammenspiel unzähliger Zufallsfaktoren für den Erfolg bestimmter Entscheidungen/Handlungen in einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort haben – dann erscheint die Logik der Reichtumsverteilung kaum nachvollziehbar.
Letztlich belohnen wir die Gewinner einer Lotterie!
Da wo „Leistung muss sich lohnen“ draufsteht, haben wir es in der Realität mit einem Potpourri an guten Genen, förderlicher Umwelt und glücklichen Umständen zu tun.
Richtig ist aber auch, dass Menschen auf äußere Anreize reagieren: Solange Wohlstand und Fortschritt von Erfolg in Wettbewerb und Konkurrenz abhängig ist, macht die Belohnung von Initiative und Anstrengung durchaus Sinn. Bis zu einem bestimmten Grad muss dabei in Kauf genommen werden, dass die ungleiche Verteilung von Begabungen und Fähigkeiten (auch den Fähigkeiten, sich anzustrengen, zu steuern und zu disziplinieren) zu ungleichem materiellen Wohlstand führt.
Doch: Warum sollte das nicht in einem realistischen Rahmen bleiben können?
Interessanter Weise haben offenbar auch viele Menschen, die niemals die Chance auf persönlichen Reichtum hätten, eine geradezu panische Angst davor, durch irgendwelche Rahmenbedingungen oder Beschränkungen in das Spiel der freien Marktkräfte einzugreifen. Es gibt eine irrational wirkenden Respekt vor den Regeln, nach denen aktuell unser nationales und internationales Wirtschaftssystem läuft. Dabei wird aber vergessen, dass diese Regeln menschengemacht sind und erst vor einigen Jahrzehnten in radikaler Weise verändert wurden – zugunsten der Finanzindustrie und der Wirtschaftseliten.
Dazu kommt die Überzeugung, dass man gegen den internationalen Konkurrenzdruck sowieso nichts ausrichten könne. Konzerne und superreiche könnten sich ja heute ganz gelassen die Staaten und Wirtschaftsregionen auswählen, die ihnen die besten Bedingungen anböten (maximale Subventionen und minimale Steuern und Regulierung).
Das ist zwar richtig beobachtet – aber wo bleiben die systematischen und hartnäckigen Initiativen, genau diese Erpressungsdynamik außer Kraft zu setzen? Wo bleibt der Mut, z.B. auch Zölle oder Sanktionen gegenüber den Staaten einzusetzen, die sich unfaire Vorteile durch Steuerdumping u.ä. erschleichen?
Letztlich hätten alle Nationen etwas davon, wenn sich die unfassbar reichen Weltkonzerne und die Klasse der Superreichen Einzelpersonen angemessen an der Finanzierung der Gemeinschaftsaufgaben und globalen Herausforderungen beteiligen würden.
Der Hinweis auf die Stiftungen der Milliardäre hilft dabei nicht weiter: Warum sollten einzelne Personen die Macht haben, nach Gutdünken durch das Aufwenden von riesigen Geldbeträgen eigene Ziele und Interessen zu verfolgen und dabei noch Steuern zu sparen?
Auf die gesellschaftlichen Auswirkungen einer extrem ungleichen Wohlstandsverteilung gehe ich beim Thema xxx ein. (oder doch hier?)
Vorläufer-Themen

Menschenbilder
s. „Roter Faden“

Ichwerdung
s. „Roter Faden“

Willensfreiheit
s. „Roter Faden“
Parallel-Themen

Gerechtigkeit
s. „Roter Faden“

Ungleichheit
s. „Roter Faden“



