Gesamt-Resümee
Bevor Sie sich auf die Quintessenz dieses Projektes einlassen, haben Sie hier noch einmal die Chance für eine Selbstbefragung:
Sie hat das Ziel, Ihre „Nähe“ zu einigen der Grundgedanken zu erfassen, die im Folgenden nochmal ausgeführt werden.
Kein noch so ambitioniertes Projekt kann den Anspruch erheben, abschließend zu klären, wie „die Welt“ zu verstehen oder gar zu gestalten sei. Aber es kann und will sich der Herausforderung stellen, aus vorhandenen Erkenntnissen plausible und verantwortbare Schlussfolgerungen zu ziehen – gerade dann, wenn manche dieser Erkenntnisse in unserer gegenwärtigen Kultur weitgehend ignoriert oder aktiv verdrängt werden. Das liegt insbesondere daran, dass überkommende, traditionsreiche (religiöse, ideologische oder kulturelle) Konzepte überaus veränderungsresistent sind – nicht zuletzt, weil sie auch bestimmten Interessen dienen.
Die Basis
Ausgangspunkt und Basis für alle Überlegungen in diesem Projekt ist ein rational-wissenschaftliches Weltbild. Zwar ist uns als eingeschränkte biologische Wesen der Zugang zu einer echten „Wahrheit“ über das Universum bis auf Weiteres verwehrt. Es wäre aber extrem abwegig, den gesamten wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnisstand in Zweifel zu ziehen, nur weil er nicht die Stempel der Vollständigkeit und Endgültigkeit trägt. Ebenso wäre es unsinnig, willkürliche und völlig faktenfreie Welterklärungen an die Stelle der Wissenschaft zu setzen – nur weil man sie auch missbrauchen und für falsche Ziele einsetzen kann.
Es gibt schlichtweg keine bessere oder auch nur ansatzweise vergleichbare Alternative.
Diese Hervorhebung der Vernunft-Seite des Menschen im Bereich der Erkenntnis soll nicht den Eindruck erwecken, als würden Intuition, Emotionalität, Fantasie und Spiritualität abgewertet oder ganz übersehen. Die Fähigkeit, sich durch Kunst, Natur, Liebe oder Schönheit tief anrühren und begeistern zu lassen, ist genauso eine wertvolle menschliche Gabe, wie die – vermeintlich zweckfreie Freude an Bewegung, Spiel oder kreativem Ausdruck.
Allerdings wird hier tatsächlich die Frage gestellt, ob eindeutig irrationale Wege der Sinn- und Bedeutungssuche wirklich geeignet sind, Menschen für die Einsichten in die dringend notwendigen Maßnahmen zur Sicherung unseres Überlebens vorzubereiten. Wie die Erfahrung zeigt, sind ausgeprägte Formen von esoterischen, mystischen oder religiösen Weltzugängen oft mit einer distanzierten Haltung zur Wissenschaft verbunden – was die gemeinsame Lösungssuche erschwert.
In diesem Projekt wird auch von der gesicherten Erkenntnis ausgegangen, dass die grundlegenden Fähigkeiten, Bedürfnisse und Potentiale des Menschen durch seine biologischen Strukturen definiert werden. Wie sich die Basis der individuellen psychischen (und geistigen) Systeme in der Interaktion mit den jeweiligen Umweltbedingungen ausbilden, unterliegt eindeutig festgelegten Regeln. Das, was irgendwann die Persönlichkeit mit allen ihren Vorlieben, Interessen und Vorstellungen bildet, ist das Ergebnis von (epi-)genetisch geprägten und später erfahrungsbedingten neuronalen Strukturen, die wiederum mit bestimmten komplexen chemischen Regelkreisen interagieren (Hormonen und anderen Neurotransmittern).
All diese – extrem komplexen – Gegebenheiten und Prozesse sind im Prinzip genauso kulturunabhängig und universell wie physikalische Naturgesetze. Sie zeigen, dass unsere individuellen Lebensläufe weit weniger Ausdruck einer freien Selbstbestimmung sind, als es das liberale Dogma vom autonomen Individuum behauptet.
Die Abwehr
Trotzdem herrscht in westlich-liberalen Gesellschaften weiterhin eine nahezu sakrale Verehrung des Individuums, seiner vermeintlichen Autonomie und der Unantastbarkeit seines seines authentischen Selbst.
Dieser – wie ich meine – übertriebene Respekt vor dem Ergebnis eines chaotischen und willkürlichen Zusammenspiels von Faktoren führt in westlich-liberalen Kulturen zu einer Tabuisierung jeder geplanten Steuerung dieser prägenden Prozesse. Man überlässt sie lieber dem Zufall und der Einflussnahme z.B. durch religiöse oder wirtschaftliche Player, als ernsthaft den Versuch zu machen, die Erkenntnisse der Humanwissenschaften für die Errichtung eines Werte- und Regelsystems einzusetzen, das mit den (objektivierbaren) psychischen, sozialen und ethischen Grundbedürfnissen des Menschen übereinstimmt.
Dies als demokratischer Pluralismus gefeierte System fußt also auf der Illusion, dass es Raum ließe für die Entfaltung eines autonomen Individuums, das in freier Wahl zwischen einer breiten Angebotspalette von Ideen und Werten zu seinem – tief in sich angelegten – persönlichen Wesenskern finden kann.
Statt diesem Trugbild anzuhängen (das so ganz nebenbei den Interessen der sowieso Privilegierten nützt), sollten wir den Mut und die Kraft haben, unser Zusammenleben stärker an solchen Prinzipien zu orientieren, die nachgewiesener Maßen dazu beitragen, Leid zu vermindern und einer größtmöglichen Zahl ein kreatives, gesundes, gemeinschaftsbezogenes und glückliches Dasein zu ermöglichen.
Viele weniger liberal und individualistisch ausgerichtete Gesellschaften sind eher bereit, Ihre Lebens- und Wertvorstellungen systematisch zu verbreiten bzw. sogar aufzuzwingen. Sie wirken damit als „abschreckende Beispiele“ und verstärken die Überzeugung, dass solche Vorhaben immer in Despotie und totaler Unfreiheit enden müssten.
Dabei wird allerdings übersehen (oder bewusst verleugnet), dass es einen bedeutenden Unterschied ausmacht, ob man sich einer Ideologie, den Machtinteressen einer Gruppe bzw. traditionellen kulturellen Konzepten verschreibt – oder sich am wissenschaftlichen Fundus über die Zusammenhänge zwischen Lebensbedingungen und Lebenszufriedenheit orientiert.
Solche Überlegungen werden trotzdem vielen Leser/innen zu weit gehen und Ängste bzw. Widerstand hervorrufen; manche werden an die Warnungen vor einem totalitären Staat denken, der zu weit in das private Leben eindringen könnte.
Deshalb am Ende der Versuch stehen, eine gemäßigte Version als Quintessenz anzubieten:
Ein sanftes Resümee
Die Erkenntnisse der modernen Humanwissenschaften sollten – wenigstens – dazu führen, dass man die Rolle der unzweifelhaften Einflussgrößen auf Persönlichkeit und Lebensweg endlich angemessen berücksichtigt. Das würde erfordern, aus der Scheuklappensicht des „Bewusstseinskäfig“ herauszutreten und anzuerkennen, dass sich eigene, vermeintlich selbstverständliche Denk-, Fühl- und Handlungsoptionen für andere Menschen völlig anders darstellen könnten.
Das Ergebnis dieses Perspektivwechsels wäre eine Abkehr vom neoliberalen Märchen von „seines Glückes Schmied“. Dies wiederum hätte notwendiger Weise Auswirkungen auf den Umgang mit Menschen, die in privaten, beruflichen oder juristischen Bereichen gescheitert sind. Genauso betroffen wären gesellschaftliche Regelungen zur Verteilung von Wohlstand und Privilegien bzw. zum Ausgleich von Benachteiligungen.
Wie – an anderer Stelle in diesem Projekt – ausführlich dargestellt wäre damit nicht die völlige Aufgabe von Konzepten wie „Selbstverantwortung“, „Sanktionen“ oder „Leistungsprinzip“ verbunden. Vielmehr ginge es darum, Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen die Chance haben und die Motivation entwickeln können, bisher nicht erworbene Kompetenzen nachzulernen – und zwar ohne für die bisherigen Defizite verurteilt bzw. abgewertet zu werden.
Es geht darum, gesellschaftliche Rahmenbedingungen so auszurichten, dass möglichst viele Menschen ihr Potenzial entfalten können – nicht weil sie „müssen“, sondern weil sie „können“ und „dürfen“. Und es geht darum, Verantwortung nicht länger als moralischen Kampfbegriff zu benutzen, sondern als handlungsleitende Verpflichtung gegenüber allen Betroffenen: den Verwundbaren, den Ausgeschlossenen, den Kommenden – und auch den nicht-menschlichen empfindungsfähigen Wesen, mit denen wir diesen Planeten teilen.
Ein neuer Humanismus
Daraus ergibt sich folgerichtig eine Neufassung des Humanismus: weg vom idealisierten Bild des autonomen, souveränen Einzelnen – hin zu einem realistischen, empathiebasierten, faktenbasierten Humanismus.
Dieser neue Humanismus anerkennt:
– die biologische Verwobenheit des Menschen mit den Kreisläufen und Gesetzmäßigkeiten der Natur,
– die Notwendigkeit, die für die Zukunft auf diesem Planeten bedeutsamen Entscheidungen auf der Basis von rational-empirisch begründeten Erkenntnissen zu treffen (wenn nötig, auch gegen die momentane Mehrheitsmeinung),
– die psychische Verletzlichkeit des Menschen, seine emotionale und kognitive Begrenztheit und seine soziale Formbarkeit,
– seine Mitverantwortung für das Leid und das Wohlergehen anderer – über Gattungs-, Kultur- und Generationsgrenzen hinweg.
Ein solcher neuer Humanismus ersetzt autoritäre Gebote durch nachvollziehbare ethische Prinzipien: Leidvermeidung, Bedürfnisorientierung, Gerechtigkeit in der Teilhabe. Er erkennt kulturelle Vielfalt an, aber nicht um den Preis der moralischen Beliebigkeit. Und er fordert nicht den Verzicht auf individuelle Freiheit – sondern ihre Einbettung in soziale Kontexte, universelle Moralmaßstäbe und ökologische Grenzen.
In diesem Sinn kann aus dem Projekt Weltverstehen ein Projekt Weltgestalten werden: getragen von einem rationalen Humanismus, der den Menschen nicht weiter verklärt, sondern in seiner „wahren“ Natur ernst nimmt.
Ob die aktuellen und zukünftigen technologischen Werkzeuge des Menschen – insbesondere die KI – für die Erreichung dieser Ziele als hilfreich oder sogar notwendig erweist, kann noch nicht abschließend beurteilt werden – aber ganz sicher nicht ausgeschlossen werden.
Vorläufer-Themen
Zu welchen Schlussfolgerungen hinsichtlich der modernen wissenschaftlichen Erklärung der Welt kann man kommen?
Wie sind die unterschiedlichen WELTZUGÄNGE hinsichtlich der anstehenden Gestaltungsfragen zu beurteilen?
Wie lassen sich die in dieser Abhandlung abgeleiteten Prinzipien der WELTGESTALTUNG zusammenfassend beschreiben?
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